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Okky Madasari

Okky Madasari – Stimme des Gewissens

 

»Literatur ist der Versuch, die Stimme des Gewissens durch Sprache zutage zu fördern«. Okky Madasari nennt Ungerechtigkeiten beim Namen und erweckt sie in ihren Werken zum Leben. 

von Gudrun Ingratubun 

 

Okky Madasari in Berlin; Bildquelle | Jörg Huhmann

 

Okky Madasari

Okky Madasari – Stimme des Gewissens

 

»Literatur ist der Versuch, die Stimme des Gewissens durch Sprache zutage zu fördern«. Okky Madasari nennt Ungerechtigkeiten beim Namen und erweckt sie in ihren Werken zum Leben. 

von Gudrun Ingratubun 

 

Okky Madasari in Berlin; Bildquelle | Jörg Huhmann

 

Seite 1 | Okky Madasari

 

»Literatur ist der Versuch die Stimme des Gewissens durch Sprache zutage zu fördern«, sagt Okky Madasari, eine junge javanische Romanautorin, der es wichtig ist, die Ungerechtigkeiten, die in ihrer Umgebung geschehen, beim Namen zu nennen. Dabei verwendet sie in der Tradition Pramoedya Ananta Tour stehend bewusst einen direkten, schnörkellosen aber dennoch sehr emotionalen Schreibstil, damit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten ihre Romane verstehen können. Studiert hat sie zunächst Politikwissenschaft an der Universitas Gajah Madah in Yogyakarta und später Soziologie an der Universitas Indonesia in Jakarta. Der Titel ihrer Masterarbeit, der schon auf ihre eigenen Romane hinweist, lautet: »Genealogy of Indonesian Novels: Capitalism, Islam and Critical Literature« Nachdem sie zunächst als Journalistin tätig war, erscheint dieser Tage in Indonesien ihr fünfter Roman.

 

Einsatz für Minderheiten in Indonesien

 

Obwohl Transgender traditionell in vielen Gesellschaften Indonesiens akzeptiert oder sogar besondere Achtung genießen, wie etwa die Waria auf Java oder die Bissu bei den Bugis in Süd-Sulawesi, haben sich gerade in den letzten Monaten vermehrt führende Politiker, Hochschullehrer, Religionsvertreter und Psychiater in Indonesien gegen Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung als der mehrheitlichen, ausgesprochen. Islamistische Gruppen schreckten auch vor gewalttätigen Aktionen gegen Mitglieder der LGBT-community nicht zurück. Dies gibt Madasaris 2013 erschienenem Roman Pasung Jiwa, in Deutschland unter dem Titel »Gebunden – Stimmen der Trommel« beim Sujet Verlag erschienen, eine besondere Aktualität. Madasari beschreibt hier einen jungen Mann, der seinen Weg sucht. Ihm wird zunehmend bewusst, dass er sich mehr und mehr zum Weiblichen hingezogen fühlt. Nachdem er sein Elternhaus zum Studium verlassen hat, kann er/sie dies als Dangdutsängerin Sasa ausleben, zunächst als Straßenmusikerin, später auch auf größeren Bühnen. Sasas Eltern akzeptieren dies nicht, was zur Einlieferung in eine psychiatrische Klinik führt. Später lernt die Mutter jedoch, ihr Kind so zu akzeptieren wie es ist und übernimmt Sasas Management, hilft ihr ein Star zu werden. Doch dann wird eins ihrer Konzerte von einer islamistischen Kämpfertruppe gesprengt, sie wird zutiefst gedemütigt, zusammengeschlagen und schließlich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

 

Warum schließen sich junge Leute islamistischen Gruppierungen an?

 

Außerdem erfahren wir in Pasung Jiwa wie ein künstlerisch-orientierter, säkularer junger Mann, zuvor bester Freund und Musikpartner der Dangdutsängerin, nach vielen niederschmetternden Lebenserfahrungen Mitglied einer islamistischen Kämpfertruppe wird und der Angriff auf Sasas Konzert unter seiner Federführung passiert. Geschickt hat die Autorin die Lebenswege der beiden Protagonisten ineinander gewoben, indem sie immer wieder die Erzählperspektive wechselt. Auch als bekennende Muslima scheut sich Okky Madasari nicht, islamistischen Gruppierungen, deren Doppelmoral und Verflechtungen mit der Polizei zu kritisieren. Madasaris Schilderung, wie und warum sich junge Menschen gewaltbereiten islamistischen Gruppen anschließen, ist durchaus mit der Situation in Deutschland zu vergleichen.

 

Kathulistiwa Literary Award

 

Auch in Madasaris Roman Maryam geht es um das Schicksal einer Minderheit, der Ahmadiyya, auf Lombok. Als Häretiker gebrandmarkt wurden die Ahmadiyya-Familien immer wieder von Nachbarn, die dem sunnitischen Mehrheitsislam angehören, aus ihren Häusern vertrieben und leben bis heute in einer Flüchtlingsunterkunft in der Provinzhauptstadt. Madasari zeigt, wie auch auf der persönlichen Ebene, zum Beispiel eine Ehe zwischen einer Ahmadiyya-Frau und einem sunnitischen Muslim unter dem gesellschaftlichen Druck kaum möglich ist. Für ihren Roman Maryam erhielt Okky Madasari 2012 als jüngste Preisträgerin den renommierten Kathulistiwa Literary Award erhalten.

 

In Madasaris ersten Roman Entrok geht es um das Leben auf dem Land zu Zeiten von Suhartos alle Bereiche durchdringenden Militärdiktatur. Entrok ist das javanische Wort für BH und wird in diesem Roman zum Symbol für das Streben der Protagonistin nach sehr bescheidenem, selbsterwirtschaftetem Luxus. Außerdem erleben wir eine zwischen Mutter und Tochter entstandene Kluft, hervorgerufen durch die in der Schule islamisch erzogene Tochter, einen kaum überbrückbaren Gegensatz zu den traditionell-javanischen Religionsvorstellungen der Mutter.

 

Eigenes Handeln

 

Doch Madasari will nicht nur schreibend auf die Welt Einfluss nehmen. So hat sie 2010 die Muara-Stiftung gegründet, die in Madasaris traditionellem Wohnviertel in Jakarta den Kindergarten »TK Muara Bangsa« betreibt, dessen Besuch für Familien mit geringem Einkommen kostenfrei ist. An der Kindergartenaußenwand finden sich Graffitiportraits bedeutender indonesischer Literaten und das Zitat »Berpikir besar, kemudian bertindak« (zu Deutsch: »Groß denken und danach handeln«) von Tan Malaka. Im Innenraum des Kindergartens steht das für Madasari wichtige Motto des indonesischen Dichters WS Rendra an der Wand zu lesen: 

»Kesadaran adalah matahari

Kesabaran adalah bumi

Keberanian menjadi cakrawala

Dan perjuangan adalah kelaksanaan katakata ...«

 »Das Bewusstsein ist die Sonne,

 Die Geduld ist die Erde,

 Der Mut wird zum Himmelsfirmament,

 Und der Kampf ist die Umsetzung der Worte ...«

 

So werden die Kinder schon früh mit der Literatur Indonesiens und ihrer sozialen Dimension vertraut gemacht. Das erklärte Ziel ist es, die Kinder zu kritisch Denkenden und Handelnden, verantwortungsbewussten und kreativen Menschen zu erziehen. Ebenfalls in ihrem Wohnviertel veranstaltet Madasari unter dem Namen »Sastra masuk Kampung« volksnahe und kostenfreie Literaturlesungen. 

 

Okky Madasari, ASEAN Literary Festival 2015; Bildquelle: mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 

ASEAN Literary Festival

 

Mit dem ASEAN Literary Festival hat Madasari 2014 ein weiteres Dialogprojekt ins Leben gerufen. Das Festival soll den literarischen Austausch zwischen den ASEAN-Staaten, also Indonesien, Malaysia, Singapur, Brunei, Thailand, den Philippinen, Kambodscha, Laos, Myanmar und Vietnam fördern. Denn viele Literaten und Literaturinteressierte kennen eher die europäische Literatur als die Literaturszenen der Nachbarländer. Diese Länder verbindet nicht nur ihre geographische Lage, und sprachliche Verwandtschaft sondern auch die gemeinsame Erfahrung der Kolonialisierung – bis auf Thailand – und in vielen Fällen auch die Erfahrung totalitärer Herrschaftsstrukturen, in denen Schriftsteller mit dem Verbot ihrer Werke zu kämpfen hatten, jahrelang inhaftiert waren oder sogar getötet wurden. Das ASEAN Literary Festival gewinnt nun als Treffpunkt für Autoren, Leser, Verleger, Künstler und Literaturwissenschaftler aus all diesen Ländern zunehmend an Bedeutung. Doch auch Gäste aus anderen asiatischen Ländern, Australien und Europa nutzen die Gelegenheit die Literatur Südostasiens kennenzulernen. Dazu gibt es Veranstaltungen sowohl in den Innen- wie in den Außenbereichen des Taman Ismail Marzuki (TIM), dem größten Kulturzentrum Jakartas.. Laut Okky Madasari besuchen vor allem junge Leute das Festival: »Es ist eine Freude zu sehen, wie junge Leute sich zunehmend für Buchwelt und Literatur interessieren.«

 

2016 findet das Festival vom 05. bis 08. Mai unter dem Motto »The Story of Now« zum dritten Mal statt. Dabei wird es um die Sichtweisen und Reaktionen der Autoren auf die heutigen globalen Herausforderungen gehen, um die Geschichten der digitalen Generation. Es werden auch kontroverse Themen wie Religion, Radikalismus und Ideologie, die Überwindung von Traumata sowie Todesstrafe und der Umgang mit Flüchtlingen diskutiert. Dabei kommen meist Sprecher aus zwei oder drei verschiedenen Ländern zu Wort. Es wird Vorlesungen, Workshops und Podiumsdiskussionen zu Lyrik, Prosa und Übersetzungsfragen geben. Außerdem werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den ASEAN-Staaten beleuchtet. Gibt es trotz der Verschiedenartigkeit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit? Inwieweit werden Autoren aus den Nachbarländern überhaupt gelesen und rezipiert? Man darf gespannt sein.

  


Waria | steht für Transgender und setzt sich aus den Wörtern »wanita« (Frau) und »pria« (Mann) zusammen; Waria steht für eine lebendige Transgender-Kultur, die ein integraler Bestandteil der indonesischen Gesellschaft ist. 

Bissu | verweist auf eine der 5 Geschlechtsidentitäten bei den Bugis in Süd-Sulawesi; sie ist physisch als Mann und Frau zu charakterisieren (intersexuell), und nimmt eine besondere soziale Stellung in der traditionellen Gesellschaft ein (Verehrung als Schamanen). 

Ahmadiyya, auch Ahmadiyah | versteht sich als muslimische Gemeinschaft innerhalb des Islam, die ihren Gründer Mirza Ghuklam Ahmad verehrt. In Indonesien ist sie als Jemaat Ahmadiyah Indonesia (JAI) bekannt und als Minderheit in ihrem religiösen Leben stark eingeschränkt.  

Tan Malaka | war ein wichtiger Freiheitskämpfer Indonesiens, der selbstlos und idealistisch gegen die niederländische Kolonialregierung kämpfte. Er war Mitglied der Kommunistischen Partei. Erst 1963 wurde ihm vom ersten Präsidenten Sukarno der Titel eines Nationalhelden verliehen.

Anmerkungen Redaktion

 

 

Seite 2 | Okky Madasari im Gespräch

 

 

Gudrun Ingratubun im Gespräch mit Okky Madasari

 

Gudrun Ingratubun und Okky Madasari in Jakarta; Bildquelle: Private Sammlung von Okky Madasari

 

Liebe Okky, was hat Dich dazu bewegt, das ASEAN Literary Festival (ALF) zu gründen?

 

Ich habe das ALF gegründet, um dazu beizutragen, dass sich Menschen aus den ASEAN-Staaten und anderen befreundeten Ländern über die Literatur besser kennenlernen und verstehen. Obwohl wir Nachbarn sind, finde ich es schade, dass wenige Menschen hier literarische Werke aus Ländern wie beispielsweise Malaysia, Singapur, Thailand oder Myanmar kennen, umgekehrt ist es ebenso. Außerdem ist es mein Wunsch, dass die Literatur der ASEAN-Staaten durch das ALF auf der Weltkarte der Literatur und Bücher zunehmend wahrgenommen wird. Daher kommen die Besucher auch nicht nur aus den ASEAN-Staaten, sondern auch aus anderen asiatischen Ländern wie Japan, Korea und Indien, aber auch aus Australien, Europa und Amerika.

 

Welche Menschen wollt Ihr mit diesem Festival ansprechen?

 

Wir möchten alle Menschen ansprechen, von Kindern bis zu Erwachsenen, Männer und Frauen, Literaturinteressierte oder solche, die sich nicht für Literatur interessieren. Das ALF ist ein Festival für jeden. Deswegen bieten wir ganz unterschiedliche Veranstaltungen an, die dies ermöglichen – von Podiumsdiskussionen, Workshops und Buchpremieren bis zu Märchenlesungen für Kinder.

 

Wie war die Zusammensetzung der Besucher des Festivals in den letzten beiden Jahren?

 

Während des ersten und zweiten Festivals wurde das ALF mehrheitlich von jungen Leuten besucht. Es ist sehr interessant zu sehen, wie sich die junge Generation für Literatur und Bücher zu interessieren beginnt. Und es macht mich sehr froh.

 

Gibt es auch Besucher aus den anderen ASEAN-Ländern, abgesehen von den geladenen Veranstaltungsteilnehmern auf der Bühne?

 

Doch, die gibt es in der Tat. Wir hatten schon Besucher aus Malaysia, Singapur und den Philippinen. Auch aus Australien kamen Festivalbesucher.

 

Wie ist die Entwicklung vom ersten Festival bis zu dem diesjährigen dritten Festival?

 

Die freut mich sehr. Der Enthusiasmus in der Bevölkerung ist ziemlich groß. Und das ist ja das Wichtigste, neben der Unterstützung von offizieller Seite, wie beispielsweise durch das Außenministerium und die Botschaften, so dass die Festivals vom ersten bis zum letzten Tag ein Erfolg waren.

 

Die Hautsprache des Festivals ist ja Englisch, aber gibt es auch Teile, die übersetzt werden?

 

Ja, die gibt es. Bei unserem zweiten Festival hatten wir zum Beispiel einen Chinesisch-Übersetzer. Die meisten Veranstaltungen sind zweisprachig: es wird Englisch und Indonesisch verwendet. Doch es gibt auch Veranstaltungen, die nur auf Indonesisch abgehalten werden. Das hängt von der Art der Veranstaltung ab.

 

Gibt es manchmal Schwierigkeiten, wenn bei den Veranstaltungen empfindliche Themen angesprochen werden?

 

Bisher gab es da keine Schwierigkeiten. Wir hoffen, dass das auch so bleibt und die Veranstaltungen mit geistiger Offenheit aufgenommen werden. In diesem Jahr haben wir einige Themen dabei, die als kontrovers angesehen werden, die Ereignisse von 1965, LGBT, eine Diskussion über die Meinungsfreiheit und die Anwesenheit von Autoren, deren Werke zensiert worden sind. Aber das ist Teil des gesellschaftlichen Engagements des ALF, sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen und sich gegen jede Art von Zensur und Maulkorb zu wenden.

 

 

 

Indonesien Magazin Online

 

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