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Traditionelles Kulturgut Javas

Kris – Waffe und Kunstform des alten Java

 

Krisdolche sind in Europa vor allem für ihre gewellten Klingen und angeblichen Zauberkräfte bekannt. Ihre kulturelle Bedeutung und Systematik in Indonesien geht jedoch weit darüber hinaus.

von Jan Budweg

 

Balinesische Krisschmiede bei der Arbeit, Objekt-Nr. (TM-60003116); Bildquelle: zur Verfügung gestellt von IFICAH ((International Foundation of Indonesian Culture and Art Heritage); Original liegt im Archiv vom Nationaal Museum van Wereldculturen, Leiden

 

Der Kris (keris) ist eine traditionelle Klingenwaffe des insularen Südostasiens, die sich von ihrem Ursprungsgebiet auf Java bis ins heutige Malaysia und auf die Philippinen verbreitete. Aufgrund seiner ausgeprägten kulturellen Bedeutung wurde der indonesische Kris 2008 von der UNESCO in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

 

Westliche Betrachter denken beim Kris oft an eine gewellte Dolchklinge, welche möglicherweise vergiftet war und nach einheimischem Glauben magische Kräfte haben soll. Dieses Bild des magischen Dolches hält sich bis heute auch in den Volksmythen Indonesiens und steht dort meist im Vordergrund. Die traditionelle Sichtweise der Palastkulturen Javas und Balis unterscheidet sich deutlich von diesen den Waffenaspekt bzw. Mystizismus betonenden volkstümlichen Darstellungen. Hier stellt der Kris eines der Objekte altjavanischer Kunstformen dar, ähnlich wie Batiktücher, Schattenspielfiguren oder Gamelaninstrumente. Diese Kunstformen wurden über Jahrhunderte verfeinert und standardisiert, sodass umfangreiche Analysesysteme nach Zeitaltern und Regionen entstanden. Bei Betrachtung einer Krisklinge stehen dabei drei Bewertungskategorien im Fokus.

 

 

Balinesische Kristräger; Objekt-Nr. (TM-60002157)
Bildquelle: zur Verfügung gestellt von IFICAH ((International Foundation of Indonesian Culture and Art Heritage); Original liegt im Archiv vom Nationaal Museum van Wereldculturen, Leiden
Ausschnitt aus einer historischen Fotografie 1888, Java | Wayang Wong, Tanzszene, hinter der rechten Schulter des Jungen ist ein Kris zu sehen; Ident.Nr. VIII C 1213
Bildquelle: Ethnologisches Museum, SMB
Gemälde mit einem königlichen Kristräger, im Kraton Kasepuhan / Cirebon. Portraitiert ist hier Sri Baduga Maharaja alias Prabu Siliwangi, einstiger Herrscher des sundanesischen Hindu-Königreiches Pajajaran
Bildquelle: im Kraton Kasepuhan / Foto: Jörg Huhmann
Indonesischer Nationalheld Fürst Jelantik (Patih I Gusti Ketut Jelantik) im Feldzug von Jagaraga gegen die Holländer (1846—1849), Gemälde im Museum in Singaraja
Bildquelle: Museum in Singaraja / Foto: Günther Heckmann
Kristräger sind u.a. auch in kunsthistorisch wertvollen Handschriften mit Illustrationen im Wayang-Stil abgebildet; Szenen aus Asmara Supi, einem Roman in Versform über das Schicksal eines Prinzen; Ms. or. oct. 4033, S. 42 (oben) und S.209/210 (unten)
Bildnquelle: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

 

 

Die äußere Form eines Kris wird dhapur genannt. Ihr wichtigstes Kriterium ist die immer ungerade Anzahl der Wellen. Diese reicht üblicherweise vom geraden Kris ohne Wellen bis hin zu 13 Wellen, es sind aber auch Formen mit bis zu 29 Wellen verzeichnet. Krisformen werden in historischen Manuskripten aufsteigend nach der Wellenzahl angeordnet. Weitere Kriterien zur Benennung der Form sind Vorhandensein bzw. Ausprägung einer Reihe von Zusatzelementen, den ricikan. Hierbei handelt es sich vor allem um Fang- oder Fingerschutzhaken im griffnahen Bereich der Klinge (s. Abb.). Auch eine besondere Form der Daumenmulde (pijitan) oder ein figürliches Ornament am verdickten Klingenrand (gandik) können bestimmend sein. Die Schaffung einer neuen dhapur innerhalb dieser Standards war traditionell den Meisterschmieden (mpu) vorbehalten. Spätere Kris mit dieser dhapur folgten dann diesem Vorbild. Die Paläste Javas besitzen bis heute Auflistungen der anerkannten Formen (pakem dhapur), deren Umfang im Lauf der Jahrhunderte anstieg und regional variierte.

 

Die Damasttechnik der in vielen Lagen geschmiedeten Klingen heißt pamor. Der Kontrast zwischen der dunklen Eisenklinge und den hellen, nickelhaltigen Linien entsteht durch die Behandlung mit Arsen. Bei wertvollen Klingen wird eine solche „Kriswäsche“ regelmäßig als Zeremonie wiederholt. Pamor werden meist bildhaft nach ihrer Erscheinung benannt, wie z.B. wos wutah („verschütteter Reis“) oder udan mas („Goldregen“). Stärker als der äußeren Form der dhapur wird der strukturgebenden pamor auch eine mystische Kraft zugeschrieben. Diese hängt sowohl vom genutzten Material als auch dem Muster ab, eine zeremonielle Herstellung durch einen Meisterschmied immer vorausgesetzt.

 

Die historische Zuordnung einer Krisklinge folgt dem System tangguh. Dieses basiert auf einer nicht immer verbürgten Geschichtsschreibung javanischer Zeitalter und ihrer regionalen Königreiche, denen die Krisschmiede entstammten. Deren berühmteste Klingen wurden im Auftrag der Herrscher, manchmal angeblich aber auch für mythische Helden geschmiedet. Dieser Geschichtsschreibung werden dann einzelne Krisklingen stilistisch zugeordnet, wobei besonders die allgemeine Gestalt und dafür verwendete Materialmenge eine Rolle spielen. Ältere Dolche sind oft schlanker und kleiner. Färbung und Struktur der Metalle lassen darüber hinaus Rückschlüsse auf den regionalen Ursprung einer Klinge zu.

 

Aus diesen drei Aspekte einer Krisklinge entstanden so über die Jahrhunderte umfangreiche Klassifikationssysteme, welche für alle javanische Kunstformen typisch sind. Die Kunst der Waffenschmiede bestand neben dem handwerklichen Können in der Kenntnis und Erweiterung dieser Systeme bei gleichzeitiger Einhaltung der überlieferten Standards.

 

Kris mit Krisscheide aus Java, Klinge mit 3 Wellen, »luk«.
Bildquelle: Ethnologisches Museum, SMB /Fotografin Claudia Obrocki; Ident.Nr.: I C 34020 a,b
»Klassische« Bali-Klinge mit 13 luk, 19. Jahrhundert oder früher. »Pamor« nach balines. Terminologie »ilining warih« (»Fließendes Wasser«), entspricht javan. »beras wutah«. Kostbare Montage für hohe Aristokratie. Bali oder Lombok. Wohl 19. Jahrhundert.
Bildquelle: ificah Museum für Asiatische Kultur
Guterhaltene, detailliert gearbeitete Klinge mit 11 luk, 18. oder 19. Jahrhundert. »Pamor« balines. »Ilining warih« (»Fließendes Wasser«), entspricht javan. »beras wutah«.
Bildquelle: ificah Museum für Asiatische Kultur
Gewellte Klinge mit 15 »luk«. Starke Ausprägung (Amplitude) der Wellen. »Pamor«, balines. »ilining warih« (»Fließendes Wasser«), entspricht javan. »beras wutah«. Klinge wohl 18. oder spätestens 19. Jahrhundert
Bildquelle: ificah Museum für Asiatische Kultur
Mehrheitlich gerade, dann in gewellte (5 »luk«) Spitzenpartie im vorderen Drittel übergehende Klinge. Wahrscheinlich 19. Jahrhundert.
Bildquelle: ificah Museum für Asiatische Kultur
Wohl alte javanische oder sehr frühe balinesische Klinge mit 3 »luk«. »Pamor« nach balines. Terminologie »ilining warih» (»Fließendes Wasser«), entspricht javan. »beras wutah«. Klinge 18. Jahrhundert oder älter.
Bildquelle: ificah Museum für Asiatische Kultur
Figuraler Griff aus Bali, Elfenbein. Patiniert. Derartig hochwertige Schnitzarbeiten werden heute z.B. noch in Tampaksiring und Gianyar auf Bali angefertigt, allerdings unter Verwendung moderner Elektro-Schnitzwerkzeuge. Wohl 20. Jahrhundert.
Bildquelle: ificah Museum für Asiatische Kultur

 

 

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