Smaller Default Larger

Wir erinnern uns: Indonesiens Berühmtheiten

Raden Adjeng Kartini – leidenschaftliche Briefschreiberin und Frauenrechtlerin in kolonialer Zeit

 

Während ihre Korrespondenz mit niederländischen Brieffreundinnen bereits zu Lebzeiten außerhalb des Landes Beachtung erlangte, erreichten ihre Worte daheim erst später Kultstatus. Bis heute wird sie als Vorkämpferin der indonesischen Frauenbewegung wahrgenommen.

InMaOn / BL / JH

 

Porträt von Raden Adjeng Kartini; Bildquelle: Fotograf unbekannt / Collectie Stichting Nationaal Museum van Wereldculturen / Tropenmuseum, part of the National Museum of World Cultures / Creative Commons Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

 

Indonesier sind definitiv keine passionierten Briefschreiber. Sicherlich ist dies auch eine Frage der Mentalität, die jedoch von uns Europäern allzu oft falsch interpretiert wird. Manch einer hat schon vergebens auf die Beantwortung seines liebevoll verfassten Briefes gewartet. Schnell fallen da Sätze wie »Sie ist einfach zu faul.« oder »Bestimmt hat er mich schon vergessen«. Oft ist keines von beiden der Fall. Vielmehr fällt auf, dass Freundschaften in Indonesien auch ohne regen brieflichen oder telefonischen Kontakt nichts an Intensität verlieren. Freunde, die sich nach Jahren wieder begegnen, klagen selten über Befremdungsgefühle. Schnell ist die alte Vertrautheit wieder präsent. So lässt sich vielleicht auch die wenig ausgeprägte Briefkultur Indonesiens erklären. Als verbindendes Element besitzen Briefe einfach keinen allzu großen Stellenwert. Im Zeitalter von E-Mail, Whats-App, Smartphone & Co. verliert dieser Aspekt noch mehr an Bedeutung.

 

Gibt es also keine berühmten Verfasser von Briefen? Niemanden, dessen oder deren Briefe in die indonesische Geschichte eingegangen sind? Doch gibt es. Und man braucht sich gar nicht lange auf Spurensuche zu begeben.

 

Am 21. April wird einer besonderen Person gedacht. Ganz Indonesien feiert den Hari Kartini. Wie jedes Jahr ehrt die Nation damit die gleichnamige Volksheldin Raden Adjeng (R.A.) Kartini. Sie war eine javanische Prinzessin, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im damaligen Niederländisch-Indien lebte und als Wegbereiterin der indonesischen Frauenbewegung gilt. Dank ihres sehr fortschrittlich gesinnten Vaters, dem bupati von Jepara (Zentraljava), gehörte sie zu den wenigen einheimischen Mädchen, die das Privileg besaßen eine Schule zu besuchen. Sie sprach fließend Niederländisch, eine ungewöhnliche Leistung für javanische Frauen der damaligen Zeit. Zu einer jungen Frau heranwachsend, konnte aber auch sie den Traditionen nicht mehr entkommen. Gemäß der damals für Mädchen geltende Sitte, durfte sie das Haus nur noch selten verlassen. Gefangen im goldenen Käfig, war der Briefwechsel mit ihren niederländischen Freundinnen das einzige Mittel, um Kontakt zur Außenwelt zu halten. So erfuhr sie vom vergleichsweise emanzipierten Leben ihrer europäischen Geschlechtsgenossinnen. »Wie viel besser würde es meinem Land doch gehen, wenn auch die Frauen eine gute Schulbildung erhielten!«, stellte sie daraufhin fest.

 

Neben ihrer Briefkorrespondenz, die sich kritisch mit der ihrer eigenen Kultur und der Stellung der javanischen Frau auseinandersetzte, verbrachte sie viel Zeit damit, niederländische Zeitungen, Bücher und Zeitschriften zu lesen und sich dem europäischen Feminismus zu öffnen. So entwickelte sich zunehmend Kartinis Lebenswunsch, für die Rechte der javanischen Frauen zu kämpfen. Ihre mit sprachlicher Gewandtheit und der Hoffnung auf Veränderung verfassten Gedanken wurden regelmäßig im niederländischen Magazin De Hollandsche Lelie veröffentlicht.

 

R.A. Kartini setzte sich aber nicht nur für eine Gleichstellung der Geschlechter ein und wehrte sich gegen Polygamie, sie erkannte auch, dass auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben Bildung für Frauen ein elementares Gut darstellt. Sie sah aber auch, dass Fortschritte Zeit brauchen und die »moderne« Frau wohl noch drei oder vier Generationen auf sich warten lassen würde. Ihre Briefe wurden zum wortgewaltigen und emotionalen Zeugnis des Protestes gegen jedes Hindernis einer Entwicklung der javanischen Frau. Sie wird noch immer von vielen als nationale Kultfigur mit neuen Ideen verehrt, die im Namen ihres Volkes »mit der Waffe des Wortes« kämpfte und somit auch eine (indirekte) Rolle im nationalen Kampf um die Unabhängigkeit spielte. R.A. Kartini kann heute durchaus auch als die berühmteste Briefschreiberin Indonesiens bezeichnet werden.

 

Leider verstarb Kartini im Alter von nur 25 Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes. Vorher aber konnte sie noch ein Projekt verwirklichen, dass ihr sehr am Herzen lag; sie gründete 1903 die erste Schule für indonesische Mädchen. Bereits 1907 wurde die erste nach Kartini benannte Grundschule eröffnet, zahlreiche weitere Schulen im ganzen Land folgten. Ihre auf Niederländisch verfassten Briefe wurden bereits sehr früh, 1911, in Auszügen, unter dem Titel Door Duisternis tot Licht (Durch die Dunkelheit zum Licht) veröffentlicht und später ins Indonesische (Habis Gelap Terbitlah Terang) und ins Englische (Letters of a Javanese Princess) übersetzt. Es waren die Übersetzungen in Buchform und die dadurch erfolgte Verbreitung ihrer Gedanken und Gefühle, die als Auslöser für die heutige Berühmtheit Kartinis gesehen werden können. 1964 wurde sie von Präsident Sukarno zur indonesischen Nationalheldin erklärt. Ihr Geburtstag wird als Kartini-Tag bezeichnet und jährlich gefeiert.

 

 

Eine Erste Klasse einer Kartinischule, Bogor, ca. 1920; Bildquelle: Fotograf unbekannt /   Collectie Stichting Nationaal Museum van Wereldculturen / Tropenmuseum, part of the National Museum of World Cultures / Creative Commons Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

Was ist heute noch vom protestierenden Geist einer Kartini spürbar? Kartinis Erbe ist bis heute sehr präsent, da indonesische Frauen immer noch versuchen sich in einer von Männern dominierten Gesellschaft durchzusetzen und für ihre Rechte kämpfen. Heutzutage wird der Kartini-Tag jedoch auf ganz unterschiedliche Weise zelebriert. In der Regel tragen die Frauen Kebayas und Männer zeigen sich in Batikkleidung. Es werden Veranstaltungen angeboten wie Modenschauen, Kochwettbewerbe oder Frauen erhalten Vergünstigungen in Einkaufszentren.

 

Doch es erfolgt nach wie vor eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Idealen Kartinis. Auf Lesungen und Diskussionsrunden treffen sich Aktivisten, Akademikerinnen und Künstlerinnen, um die Briefe Kartinis vorzutragen. Die bekannte indonesische Schriftstellerin und Journalistin Okky Madasari sagte dazu einmal: »Wir lesen ihre Briefe um zu zeigen, dass der Kartini-Tag nicht nur Frauen und Mädchen repräsentiert, die Kebayas, Batik oder aufwändig gestylte Frisuren tragen, die angeblich eine Kartini abbilden, sondern versuchen uns an die Ideen zu erinnern für die sie gekämpft hat.«

 

Der Geist Kartinis wird weiterleben, denn es gibt noch viel zu tun. Doch eines ist auch gewiss und wurde von dem Autor und Indonesienkenner Rüdiger Siebert einmal sehr treffend formuliert: »Kartini hätte in Indonesien nicht die geringste Chance gehabt, ein Mythos zu werden, wenn sie kinderlos oder gar unverheiratet gestorben wäre. Dass sie im Kindbett verschied und das Baby überlebte, hat ihrem Schicksal die Tragik verliehen, die den Namen Kartini über die Generationen hinweg volkstümlich erhalten wird.«

 

 

Erinnerungsfeier mit Lesung am Hari Kartini, 1953; Bildquelle: Fotograf unbekannt /   Collectie Stichting Nationaal Museum van Wereldculturen / Tropenmuseum, part of the National Museum of World Cultures / Creative Commons Lizenz: CC BY-SA 3.0

 

 


Raden Adjeng (R.A.) Kartini | geb. am 21. April 1879 in dem Ort Mayong bei Jepara (Zentraljava), gestorben am 17. September 1904 in Rembang (Zentraljava); ihre Grabstelle in Bulu, nahe Rembang, ist heute eine Art Wallfahrtsstätte.

 

Bupati | leitender Beamter, auch Regent oder Regierungsbeamter

 

Gründung der ersten Schule 1903 | Als Kartinis Eltern 1903 ihre Ehe mit dem Regenten von Rembang arrangierten, der 25 Jahre älter war als sie und bereits drei Frauen hatte, war Kartini zunächst dagegen, doch willigte sie schließlich ein, wie es heißt, um ihren kranken Vater zu beschwichtigen. Eine Bedingung konnte sie aber durchsetzen: Die Gründung einer Schule für Frauen. 

 

»Letters of a Javanese Princess« | Die englische Version der übersetzen Briefe ist über den folgenden Link online nachzulesen raden-adjeng-kartini-letters-of-a-javanese-princess

 

Kebaya | eine langärmelige, traditionelle Bluse, die auf Taille geschnitten ist.


 

Indonesien Magazin Online

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen