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Kinderschutz in Indonesien

»Kinder brauchen Schutz!«

 

Als Direktorin der Stiftung Arek Lintang (ALIT) engagiert sich die Politikwissenschaftlerin Yuliati Umrah in ihrer Heimat Indonesien für Kinderrechte und Kinderschutz. Im Gespräch mit Susanne Dietmann erzählt uns die Aktivistin mehr über ihre Arbeit und warum das Thema Kinderschutz für sie so wichtig ist.

Ein Interview von Susanne Dietmann

 

Kinder aus den Projektorten auf Flores; Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk 

 

 

 

Wo werden die Rechte von Kindern in Indonesien verletzt und warum?

 

Yuliati Umrah: Vor zehn Jahren hat man noch zwischen vier Formen von Missbrauch unterschieden: häusliche Gewalt, körperliche Gewalt, verbale Gewalt und sexueller Missbrauch. Inzwischen treten auch verstärkt Vernachlässigung, Mobbing, Kinderhandel und viele weitere Formen des Missbrauchs auf. Die Zunahme der Kinderrechtsverletzungen ist zum einen kulturell bedingt, zum anderen kümmert sich der Staat nicht wirklich um das Problem. Beispiel: Kinder haben das Recht auf Bildung. Doch gerade an Schulen werden die Rechte der Kinder oft missachtet, sie werden von Mitschülern gemobbt oder von Lehrern geschlagen. Viele Lehrer in Indonesien wenden bis heute körperliche Gewalt an, um Kinder zu bestrafen. Auch in den Familien gibt es viel Gewalt. Oft werden Kinder vernachlässigt.

 

Warum ist Kinderschutz so wichtig für Sie?

 

Umrah: Ich bin als Halbwaise aufgewachsen und war als Kind selbst Opfer von Missbrauch. Ich möchte nicht, dass anderen Kindern dasselbe passiert wie mir. Ich habe früh gemerkt: Kinder brauchen Schutz von Erwachsenen. Heute bin ich erwachsen und ermutige andere Erwachsene, Kindern Gehör zu schenken, sich um ihre Belange zu kümmern und sie zu schützen. Wenn wir über die Zukunft dieses Landes oder der Welt sprechen, ist es am wichtigsten, die Kinder zu schützen. Wenn wir das nicht schaffen, verlieren wir die nächste Generation.

 

Was tut die indonesische Regierung in Sachen Kinderschutz?

 

Umrah: Unsere Regierung hat ein Kinderschutzgesetz erlassen. In den Gemeinden, bei der Bevölkerung wird es aber nicht gut beworben. Die Menschen kennen das Gesetzt nicht. Beamte, Lehrer, religiöse Gruppen, Gemeinden... – alle sollten zum Kinderschutzgesetz geschult werden. Es gibt also ein offizielles Gesetz, aber das muss noch umgesetzt werden.

 

Sie haben eine Koalition gegen Kindesmissbrauch ins Leben gerufen. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

 

Umrah: Ja, und mittlerweile gibt es diese Koalition in zwölf indonesischen Städten. Insgesamt gehören ihr 36 Nichtregierungsorganisationen an, außerdem Universitäten und zwei Bischöfe. Wir organisieren unterschiedliche Aktivitäten. In jeder der beteiligten Städte haben wir zum Beispiel Handabdrücke gesammelt um damit zu sagen: Stoppt Kindesmissbrauch! Es kamen mehr als 6.000 Abdrücke zusammen. Diese haben wir dann dem indonesischen Präsidenten Joko Widodo überreicht. Er hat sich unser Anliegen angehört und seither wird der internationale Welttag gegen Kindesmissbrauch auch hier in Indonesien begangen. Außerdem haben wir viele indonesische Städte besucht und über die Kinderrechte informiert. Wir haben Trainings angeboten und Diskussionsrunden ins Leben gerufen, damit die Menschen lernen, warum es so wichtig ist, Kinder und ihre Rechte zu schützen.

 

Wie unterstützt die Alit-Stiftung Kinder, deren Rechte verletzt werden?

 

Umrah: Der erste Aspekt ist Hilfe – Hilfe für Kinder, die in gefährlichen Situationen leben. Wir bestärken sie darin, ihre Rechte einzufordern – zusammen mit ihren Familien, ihrem Umfeld, aber auch der örtlichen Gesetzgebung. Mit unserer Kampagne »Stop child abuse« wollen wir die indonesische Gesellschaft für das Thema Kinderschutz sensibilisieren. Wenn Menschen sich für das Thema öffnen, ermutigen wir sie, sich selbst dafür zu engagieren.

 

Wie sieht die Arbeit konkret aus?

 

Umrah: Auf der Insel Flores, an den Berghängen des Vulkans Bromo und in Surabaya in Ostjava, betreibt Alit mehrere Kinderzentren. Während auf Flores mehrheitlich Christen leben, sind es am Bromo vor allem Hindus, und in Surabaya ist die Bevölkerung größtenteils muslimisch. In unseren Zentren treffen sich die Kinder unabhängig von ihrer Religion mehrmals in der Woche. Spielerisch erfahren sie, wie sie sich selbst schützen können. Die Kinder malen zum Beispiel eine Karte ihrer Umgebung und tragen dort diejenigen Orte ein, die sie als gefährlich wahrnehmen, die sie traurig oder wütend machen. Auch in Rollenspielen können die Kinder ausdrücken, welche Situationen ihnen Angst einflößen. Darüber hinaus bieten wir zahlreiche andere Aktivitäten an, zum Beispiel Leichtathletik, Singen, Tanzen oder Handarbeit. Auch die Eltern und die Bevölkerung beziehen wir in die Aktivitäten mit ein. Das Kindermissionswerk unterstützt unsere Arbeit von Deutschland aus.

 

Wie das Kindermissionswerk hat auch Alit einen achtzackigen Stern im Logo. Welche Bedeutung hat er?

 

Umrah: Ein Stern bedeutet Hoffnung, und Kinder sind die Hoffnung für unsere Zukunft. Deswegen habe ich für das Logo von Alit einen Stern ausgewählt. Darüber steht »Equality for all children« – »Gleichheit für alle Kinder«. Als ich vor fast 20 Jahren mit meiner Arbeit begonnen habe, war „Gleichheit“ für viele Menschen nur zwischen Erwachsenen denkbar, nicht für und unter Kindern.

 

In Ostjava haben Sie außerdem ein Projekt für Kinder mit Behinderungen gegründet...

 

Umrah: Ja, denn Kinder mit Behinderungen haben es besonders schwer. Sie haben keine Rechte, werden oft wie Objekte behandelt und vor der Gesellschaft versteckt. Allein in Boyolali auf der Insel Java haben wir bei Hausbesuchen mehr als 200 Kinder mit Behinderungen gefunden, aber die Regierung hat das ignoriert. Es gilt, ein Bewusstsein der Menschen für Kinder mit Behinderungen zu schaffen. Sie sind Menschen mit Gefühlen, genau wie du und ich. Familien von Kindern mit Behinderungen müssen in die Gemeinschaft integriert werden und mitteilen dürfen, wie sie sich fühlen. Sie brauchen Unterstützung. Der erste Schritt muss deshalb sein, der Gesellschaft zu vermitteln, dass man Kinder mit Behinderungen respektieren muss. Auch sie haben eine Zukunft.

 

Was macht Sie bei Ihrer Arbeit glücklich?

 

Umrah: Wenn etwas Trauriges sich zum Positiven ändert, vor allem bei Kindern. Wenn ich sehe, dass ein Kind glücklich ist, geliebt wird und sich seine Situation verbessert, dann freut mich das sehr und bestätigt mich in meiner Arbeit.

 

Was bedeutet für Sie die Einladung zum Katholikentag in Münster?

 

Umrah: Es ist das dritte Mal, dass ich an einem internationalen Kongress teilnehme und ich denke, es wird eine sehr gute Erfahrung für mich werden. Als Muslimin darf ich bei einem katholischen Treffen mein Land repräsentieren, das ist toll! Vor allem auf der Insel Flores arbeite ich viel mit Katholiken zusammen. Darüber möchte ich in Münster berichten und gleichzeitig zeigen, dass der Islam nicht nur mit Radikalismus, IS oder Terrorismus in Verbindung gebracht werden sollte. Islam und Christentum haben viele Gemeinsamkeiten: Wir alle sprechen über Liebe, über Fürsorge.

 

Das Motto des Katholikentages lautet »Suche Frieden«. Was brauchen Kinder, um in Frieden aufzuwachsen?

 

Umrah: Für Kinder spielt es keine Rolle, welche Religion jemand hat. Sie fragen sich nicht: Was der Unterschied zwischen den Religionen ist. Sie sind Freunde und wollen miteinander spielen und aufwachsen. Und dort wo Freundschaften entstehen, wird auch der Frieden vorangetrieben.

 

 

Yuliati Umrah | ist Politikwissenschaftlerin und Direktorin der Kinderschutzorganisation Arek Lintang (ALIT) aus Surabaya. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in ihrer Heimat Indonesien für Kinderrechte und Kindesschutz. Auf nationaler und internationaler Ebene hat sie Vorträge für die Weltgesundheitsorganisation, ECPAT (End Child Prostitution, Child Pornography & Trafficking of Children for Sexual Purposes), Save the children und andere Kindesschutzorganisationen gehalten. Als Direktorin der Alit-Stiftung, initiiert sie in verschiedenen Gegenden Indonesiens sogenannte »Save Play Areas« (betreute und sichere Kindertreffpunkte) – Zentren, in denen Kinder in ihren Rechten gestärkt werden. In Ostjava kümmert sich AlLIT um Kinder mit Behinderungen. Ihre Arbeit daheim wird vom Kindermissionswerk »Die Sternsinger« unterstützt.

 

Yulaiti Umrah; Quelle: Projektpartner / Kinder-missionswerk 

 

 

Bilderstrecke aus Projekten der ALIT-Stiftung und ihren Projetpartnern auf der Insel Flores:

 

 

Kinder aus den Projektorten auf Flores.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Multiplikatoren der ALIT-Stftung informieren Freiwillige aus der Gemeinde des Projektpartners.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Betreut werden die Kinder von Freiwilligen aus der Gemeinde, die eigens zu den Themen Kinderrechte, Kindererziehung und Erste Hilfe geschult wurden
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Arbeit mit den Müttern in den Kinderzentren.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Kinderschutzarbeit findet an verschiedenen Projektorten auf Flores statt..
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Mit Hilfe des Kindermissionswerks baute die ALIT-Stiftung auf Flores zudem in drei Gemeinden so genannte „Safe Play Areas“ (betreute und sichere Kindertreffpunkte).
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
In den Kinderzentren aus Bambus treffen sich regelmäßig rund 150 Jungen und Mädchen unter 15 Jahren.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
In den Einrichtungen können die Kinder ihre Hausaufgaben machen, eine Bibliothek nutzen, spielen und basteln.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Lernen, spielen und sich kreativ betätigen ...
Quelle: Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt (RJM) / Foto: Jutta Engelhard
Kindesschutzarbeit im Projekt: Auf dieser Karte haben die Kinder eingezeichnet, an welchen Orten sie Angst haben. Gemeinsam überlegen sie, was sie dagegen tun können.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Um die physische Entwicklung von Kindern zu fördern, gründete die ALIT-Stiftung im Jahr 2012 den Leichtathletikverein TROY.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Das Leichtathletiktraining am Strand fördert vor allem die physische Entwicklung der Kinder .
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Kinder beim Leichathletiktraining.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Sport und Spass am Strand.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk
Kinderschutzzentrum auf Flores.
Quelle: Projektpartner/Kindermissionswerk

 

 

 

 

Die ALIT-Stiftung (Yayasan Arek Lintang) | wurde 1999 von Aktivisten, die sich für die Rechte von Straßenkindern in Surabaya einsetzten, gegründet. Seit 2010 ist ALIT ein Partner der Ortskirche auf der Insel Flores bei der Entwicklung eines pastoralen Programms zum Kindesschutz und zur Förderung von Frauen und Jugendlichen. 2011/2012 arbeitete die Stiftung mit der sozio-ökonomischen Kommission in Maumere in einem Jugendprogramm zusammen, in dem die Themen lokale wirtschaftliche Potentiale, Tourismus und Kinder-Sextourismus zur Sprache kamen.

 

Zu den kinderbezogenen Aktivitäten gehörten ein Workshop zur Partizipation von Kindern bei der Entwicklung eines Konzepts zum Kindesschutz, Koordinationstreffen mit den Bezirksvorstehern und Leitern der relevanten Regierungsstellen, verschiedene Trainings für Lehrer und Leiter von Sonntagsschulen im Bereich frühkindliche und Grundschulbildung sowie die Einrichtung von Dorfbüchereien. Die ALIT-Stiftung ist mit der Durchführung von Projekten zur Stärkung der Mitsprache von Kindern erfahren und hat in verschiedenen Provinzen Indonesiens bereits eine spürbare Verbesserung bei der Einhaltung von Kinderrechten erreichen können. Die qualifizierten Mitarbeiter sind als Berater für internationale Organisationen tätig.

 

 

Freie Angebote wie z.B. Leichtathleti oder Ballbeispiele sind Teil der lokalen Kinderschutzarbeit; Quelle: Projektpartner / Kindermissionswerk 

 

Um ergänzend zum kinderrechtsbasierten Vorgehen auch die physische Entwicklung von Kindern zu fördern, gründete die ALIT-Stiftung im Jahr 2012 den Leichtathletikverein TROY, der vom Kindermissionswerk unterstützt wird. Der Erfolg der Jungen und Mädchen aus armen Familien wird dort nicht am Gewinn von Titeln gemessen, sondern an ihrer ganzheitlichen Entwicklung. Darüber hinaus können die jungen Athleten bei TROY Musik machen, sich künstlerisch betätigen, handwerkliche Fähigkeiten erlernen und sich für eine gesunde Umwelt engagieren.

 

Am Beispiel der sportlichen Aktivitäten erklären ALIT-Mitarbeiter Eltern und Lehrern, welche Bedeutung die ganzheitliche Förderung für die Gesamtentwicklung der Kinder hat. Gleichzeitig ziehen sie die Eltern in die Vereinsaktivitäten mit ein und beraten sie zu den Themen Kinderbetreuung und Erziehung und geben ihnen auch Ideen, um die wirtschaftliche Situation der Familien zu verbessern.

 

Mit Hilfe des Kindermissionswerks baute die ALIT-Stiftung auf Flores zudem in drei Gemeinden so genannte »Safe Play Areas« (betreute und sichere Kindertreffpunkte). In den Kinderzentren aus Bambus treffen sich regelmäßig rund 150 Jungen und Mädchen unter 15 Jahren. Hier können sie ihre Hausaufgaben machen, eine Bibliothek nutzen, spielen und basteln. Betreut werden die Kinder von Freiwilligen aus der Gemeinde, die eigens zu den Themen Kinderrechte, Kindererziehung und Erste Hilfe geschult wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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