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Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart –Berlin

»Hello World. Revision einer Sammlung«

 

Gede Mahendra Yasa, Between You, Me & the Bedpost #1 und #2, 2014, Diptychon, Acryl auf Leinwand, je 163 × 100 cm, Privatsammlung; Quelle: Hello World. Revision einer Sammlung / Staatliche Museen zu Berlin (smb); Foto: Jörg Huhman (JH)

 

 

(InMaOn/smb) Seit dem 28. April 2018 präsentiert sich im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin das Ausstellungsprojekt »Hello World. Revision einer Sammlung«.

 

»Hello World. Revision einer Sammlung« ist eine Momentaufnahme der andauernden forschenden Auseinandersetzung mit der Sammlung der Nationalgalerie und deren Geschichte und wirft einige Fragen auf: Wie könnte eine vorrangig der Kunst Westeuropas und Nordamerikas verpflichtete Sammlung der Nationalgalerie heute aussehen, hätte ein weltoffeneres Verständnis ihre Entstehung und ihren Kunstbegriff bestimmt? Und wie können die hier vorgestellten Entwürfe zum Umgang mit den Beständen künftig weiterentwickelt werden, um dem weltweiten künstlerischen Austausch in seiner Vielfalt sowie in seiner Besonderheit im Einzelnen gerecht zu werden?

 

Anhand dieser Fragen ist eine vielstimmige Zusammenarbeit eines internationalen 13-köpfigen Kuratorenteams in 13 thematischen Kapiteln entstanden. Die gewaltige Schau erstreckt sich über die gesamten 10.000 Quadratmeter des Hamburger Bahnhofs.

 

 

oben:»Hello World. Revision einer Sammlung«; Bildquelle: Jörg Huhmann | rechts: Anak Agung Gede Soberat, Fishermen, 1930er-Jahre Ol auf Leinwand,191,5 × 206 cm, Privatbesitz; Quelle: Hello World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH)

 

 

Die Sammlung der Nationalgalerie ist hier Ausgangs- und Bezugspunkt der Ausstellung. Über zwei Jahre hat das Team, den die Nationalgalerie bestimmenden Kanon kritisch unter die Lupe genommen und nach Verbindungen zwischen den Kulturen und künstlerischen Perspektiven gefragt.

 

Mehr als zweihundert Werke aus den Beständen der Nationalgalerie – Gemälde, Skulpturen, Installationen, Videos und Filme – werden ergänzt durch rund einhundertfünfzig Leihgaben aus weiteren Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: aus dem Ethnologischen Museum, der Kunstbibliothek, dem Kupferstich-kabinett, dem Museum für Asiatische Kunst und dem Zentralarchiv sowie dem Ibero-Amerikanischen Institut und der Staatsbibliothek zu Berlin. Hinzu kommen weitere vierhundert Kunstwerke, Zeitschriften und Dokumente aus nationalen und internationalen Sammlungen. Insgesamt sind in der Ausstellung mehr als zweihundertfünfzig Künstlerinnen und Künstler vertreten. Aus dem Zusammenspiel ihrer Werke ergeben sich die 13 vielschichtigen Erzählungen der Ausstellung: historische Spuren werden ebenso nachvollzogen wie die assoziative Verknüpfung von Gedankengängen und Bildwelten. An ausgewählten Beispielen gehen die einzelnen Ausstellungsteile auf Momente des transkulturellen Austauschs und der künstlerischen Zusammenarbeit ein; im Blick die Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Dabei verfolgen sie die Prozesse der Aneignung und Transformation von Ideen, Haltungen und Objekten.

 

Eines der dreizehn Kapitel bei »Hello World« beschäftigt sich intensiv mit dem indonesischen Kulturraum und den Momenten künstlerischer Grenzgänge. Im Ausstellungsteil »Ein Paradies erfinden. Sehnsuchtsorte von Paul Gauguin bis Tita Salina«, kuratiert von Anna Catharina Gebbers, trifft der Besucher auf Werke, die Kunst- und politische Geschichte verbinden. Das Kapitel setzt dabei an figurativen Gemälden aus dem 19. Und 20. Jahrhundert aus der Sammlung der Nationalgaelreie an, um Netzwerken kulturellen Austauschs nachzugehen. Diese verbinden die Sammlung mit den bis in die Gegenwart politisch geführten kunsthistorischen Diskursen in Indonesien.

 

oben: Aufnahme Eingangsbereich zu »Ein Paradies erfinden. Sehnsuchtsorte von Paul Gauguin bis Tita Salina«; Bildquelle: Jörg Huhmann (JH) | unten: Emil Nolde, Papua-Junglinge, 1914, Öl auf Leinwand, 70 × 103,5 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Inv.-Nr. A II 1063. 1951 Schenkung des Magistrats von Gros-Berlin an die Nationalgalerie, Berlin (Ost) Quelle: Hello World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH)

 

Wie und weshalb wird ein Paradies erfunden? Am Beginn stehen orientalistische Gemälde des Imperialismus, die – wie bei Horace Vernet – den Orient häufig klischeehaft darstellen. Ein anderer Akteur dieser Zeit: der berühmte Maler Raden Saleh. Er gilt als Begründer der indonesischen Moderne, weilte und wirkte in den Niederlanden, Paris und Dresden, und machte diese Klischees zu seinem Markenzeichen. Über die expressionistische Phase mit Akteuren wie Paul Gauguin, Emil Nolde, Max Pechstein und deren idealisierten, sehnsüchtigen Vorstellungen einer fernen, »unberührten« Inselwelt, führt uns der Ausstellungsteil auf die Insel Bali, vielleicht der Inbegriff des »erfundenen Paradieses« im 20. Jahrhundert. Über die Konstruktion des Sehnsuchtsortes Bali in den 1930er-Jahren gelangt der Betrachter bis zur Gegenwartskunst in Indonesien, und Werke wie die der Künstlerin Tita Salina, die sich in ihrer Videoarbeit mit der Ökologie künstlicher Inseln befasst hat, ein Protest gegen künstliche Paradiese und die Problematisierung meeresökologischer Themen.

 

Raden Saleh, Java (Portrat eines Mannes), 1888, Foto auf handschriftlich beschriftetem Karton,13,8 × 8,5 cm, Fotograf*in unbekannt, Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum; Quelle: Hello World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH)

In dem Ausstellungsteil »Ein Paradies erfinden« befinden sich neben Werken von Walter Spies zahlreiche Hinweise auf den Künstler in Literatur, Film  etc.; Quelle: Hello World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH)

 

Beeinflusst durch politische und wirtschaftliche Entwicklungen ihrer Zeit, begegnen wir in den Räumlichkeiten von »Ein Paradies erfinden. Sehnsuchtsorte von Paul Gauguin bis Tita Salina« unterschiedlichen Charakteren, ihren Geschichten, und den Beziehungen zwischen Künstlern aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten.

 

Ein Künstler, dessen Werk und Schaffenszeit solche Verbindungen aufzeigt und dem in der Ausstellung größere Beachtung geschenkt wird, ist der deutsche Maler und Komponist Walter Spies. Er lebte ab den 1920er Jahren auf Bali. In den 16 Jahren seines Aufenthaltes wirkte Spies mit seinem Stil und seiner Malschule sehr prägend auf die Kunstproduktion Balis. Er hat unter anderem die perspektivische Malerei eingeführt und gründete gemeinsam mit dem niederländischen Maler Rudolf Bonnet und I Gusti Nyoman Lempad 1936 die Künstlerorganisation Pita Maha (»Große Schöpferkraft«), mit deren Hilfe sich balinesische Künstler vernetzen und ihre Kunst vermarkten konnten.

 

Walter Spies, Rehjagd, 1932, Öl auf Leinwand 60 × 50 cm, Privatsammlung; Quelle: Hello World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH)

 

Spies selbst hielt in seinen Arbeiten vor allem Alltagsszenen fest: die Arbeit im Reisfeld, Verbrennungsrituale, Menschen bei den täglichen Tempelzeremonien, bei Hahnenkämpfen oder auf dem Markt. Mit seinen dem magischen Realismus zugeordneten, atmosphärisch dichten Bildern »produzierte er nicht nur lebendige Kunst«, sondern inszenierte sie gleichermaßen als irdisches Paradies. Er machte ebenso Werbung für die Insel im Indischen Ozean, wie durch seine Rolle als charmanter Gastgeber und Berater für Ethnologen, Filmemacher und illustre Gäste aus aller Welt. Erwähnenswert hier, Charlie Chaplin, Claire Holt, Vicki Baum, Colin McPhee, um nur einige dieses speziellen »Bali Circle von Expats« zu nennen.

 

Spies ließ sich aber auch umgekehrt von der Denkweise und der Spiritualität der balinesischen Kultur, die er gut kannte und wertschätze, tief inspirieren. Er ist ein Beispiel für fruchtbare, gegenseitige Beeinflussung, Achtung und Toleranz zwischen verschiedenen Kultur- und Lebenswelten. Die Kuratorin Anna-Catharina Gebbers meint dazu: »Man kann in der Ausstellung an den Gemälden von Spies und seinen balinesischen Künstlerkollegen I Gusti Nyoman Lempad, Anak Agung Gde Sobrat und I Nyoman Ngendon sehr gut den kulturellen Austausch ablesen, der nur durch direkten Kontakt und ein aufeinander Einlassen stattfinden konnte.«

 

Neben Spies und balinesischen Künstlern der damaligen Zeit treffen wir auch auf zeitgenössische Kunst aus Bali und Präsentationen, die sich bewusst von der Inszenierung ihrer Insel als exotisches Paradies abgrenzten. Darunter fällt auch die konzeptuelle Malerei von Gede Mahendra Yasa, der in seinem Werk von 2014 Between You, Me & the Bedpost #1 und #2 (Im Vertrauen gesagt), Diptychon, Acyl auf Leinwand, die sich stetig ausdehnende Hybridität der auf Bali zu findenden Stile verdichtet.

 

Neben der Darbietung historischer und zeitgenössischer Kunstwerke finden sich in den Räumlichkeiten der Ausstellung – insbesondere den Bali-Teil betreffend – andere Zeugnisse transkultureller Vernetzung: Fotografien, Hörbeispiele, Videos, historische Filmbeispiele, Emphemera wie Postkarten, Briefe oder Plakate sowie Bücher und Auszüge aus ethnographischer Literatur.

 

 

 

 

oben: Charlie Chaplin, Sydney Chaplin (Sydney John Hill) Privatfilme Bali-Reise (mit Walter Spies als Gastgeber), 1932, 16 mm-Film, Schwarz-Weis, stumm Ca. 5', The Chaplin Office, Roy Export S.A.S., Paris; Quelle: Hello World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH) | unten:  Ephemera zu Bali. Kleinod der Sudsee, der neuen Fassung und neuen Vertonung von Die Insel der Damonen (1941), Privatsammlung, Berlin; rechts:  Vicki Baum, Liebe und Tod auf Bali, Amsterdam 1937, Privatsammlung, Berlin; Quelle für beide: World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH)

 

Es sollte in diesem Zusammenhang noch erwähnt werden, dass ein Großteil der in diesem Ausstellungspart präsentierten Objekte und Werke aus dem Ethnologischen Museum in Berlin stammt, und 10 Malereien darunter sind, die bisher noch niemals öffentlich gezeigt wurden.

 

Die komplette Werk- und Künstlerliste für das »Ein Paradiese erfinden«-Kapitel sowie die anderen Ausstellungsteile ist unter Werke-und-Künstler abrufbar.

  

 

»Hello World« bietet zudem ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Performances, Workshops, Diskussionen, Konzerten, Künstlergesprächen und Führungen.

 

Ausstellungsdauer

28. April – 26. August 2018 | Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr

 

»Hello World. Revision einer Sammlung« ist eine Ausstellung der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen der Initiative »Museum Global«.

 

Ort: Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Invalidenstraße 50/51, 10557 Berlin

 

Tita Salina, 1001st Island – The Most Sustainable Island in Archipelago, 2015, HD-Video, Farbe, Ton, 14' 11", Leihgabe der Künstlerin; Quelle: World. Revision einer Sammlung / smb; Foto: Jörg Huhman (JH)

 

 


 

Hinweise d. Redaktion (Ankertexte)

 

Raden Saleh; ein Buchhinweis | Kraus, Werner. 2012.  Raden Saleh: The Beginning of Modern Indonesian Painting.  Verlag: Goethe Institut Indonesia.

 

Walter Spies; ein Buchhinweis | Pistor, Romina. 2015. Kunst als Moment, Eine ethnologische Fallstudie mit Walter Spies. Berlin: regiospectra Verlag

 

 

 

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