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Comic-Szene

Vom Wayang-Held bis zur Comic-Akademi

 

Die indonesische Comic-Szene hat nicht nur eine lange Tradition, sondern ist überdies enorm vielseitig. 2015 hatte auch das deutschsprachige Publikum die Möglichkeit mehr davon zu sehen.

von Sabine Müller

 

Die »Comic-Insel«, im Indonesien-Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse 2015 | Bildquelle: Jörg Huhmann

 

Semar? Ist das nicht der rundliche Held aus dem javanischen Schattenspiel? Der neben Petruk, Gareng und Bagong einer der vier Punakawan – die göttlichen Wesen in Narrengestalt –, darstellt und seit Jahrhunderten bei keiner Wayang-Vorführung fehlen darf? Genau! Aber was hat dieser Semar mit modernen Comics zu tun? Wenn man sich bei indonesischen Comic-Fans umhört, dann gehören Semar und seine drei Freunde schon lange zur lebhaften Comic-Szene des Landes.

 

Iwan Gunawan aus Jakarta ist einer dieser Fans. Er ist aber nicht nur begeisterter Leser von Comics, sondern kennt sich wie kaum ein anderer mit der Sequentiellen Kunst in seinem Heimatland aus. Der Illustrator und Dozent für Konzeptkunst und Kunstgeschichte am Kunstinstitut Jakarta (IKJ) verfügt selbst über eine lange künstlerische Agenda und beschäftigt sich seit vielen Jahren auch theoretisch mit der Geschichte und der Entwicklung des Comics. Als ausgewiesener Kenner fungiert er häufig als Jury-Mitglied, als Sprecher oder als Kurator bei den verschiedensten Comic-Veranstaltungen im In- und Ausland. Als Experte des indonesischen Comics war er 2015 mit einigen anderen Comic-Künstlern und Akteuren der Szene auf den beiden wichtigsten deutschen Buchmessen zu Gast, in Leipzig, und in Frankfurt, wo sich Indonesien als erstes südostasiatisches Land der deutschen Öffentlichkeit als Ehrengast präsentierte. 

 

Iwan Gunawan (Jakarta Institute of The Arts) bei einem Vortrag über die Geschichte des indonesichen Comics und solch populären Formen wie »Wayang comics«, hier im Bild mit der Übersetzerin Roswitha Recker (Mitte) und Kulturjournalist Hikmat Darmanwan (rechts), Frankfurter Buchmesse 2015; Bildquelle | Jörg Huhmann

 

 

Neben zahlreichen Veranstaltungen zum Thema Indonesische Literatur drehten sich einige Präsentationen auch rund um den  Facettenreichtum des indonesischen Comics. Unter anderem erfuhren die interessierten Messebesucher, wie Semar & Co. zu ihren Auftritten in den Zeichnungen bekannter indonesischer Comic-Künstler gekommen sind. Iwan Gunawan hat das so erklärt: »Semar und die anderen drei Punakawan sorgen bei jeder Wayang-Vorführung – ob als gestanzte Lederpuppen, als echte Schauspieler oder als Holzfiguren – für ausgelassene Unterhaltung und greifen aktuelle gesellschaftliche und auch politische Themen auf. Für das Publikum gibt es immer jede Menge zu lachen, wenn sie auftreten. Da liegt es nahe, dass das   Quartett auch in Bildsequenzen von Künstlern und Illustratoren aufgegriffen wird«.

 

Der Comic-Experte und freie Autor Surjorimba Suroto schreibt in einem seiner Essays über die lange Geschichte der Sequentiellen Kunst in Indonesien. Darin wird deutlich, dass der Comic in Indonesien bereits vor der Unabhängigkeit des Landes ins Leben gerufen wurde. 1930 veröffentlichte der chinesisch-stämmige Kho Wan Gie seinen ersten Comic-Strip in der Zeitung Sin Po. Fast dreißig Jahre lang existierte die Serie, in der jeweils vier Bildfelder die Abenteuer des jungen Chinesen Put On in Jakarta erzählen. Schon bald traten andere in die künstlerischen Fußstapfen Kho Wan Gies. Einer der bekanntesten war Nasroen As mit Mentjari Poetri Hidjau (Auf der Suche nach der grünen Prinzessin), einem Strip, der im Jahr 1939 startete. Doch erst mit Raden Ahmad Kosasih, besser bekannt als R.A. Kosasih, etablierte sich eine Art Standard in der indonesischen Comic-Produktion. Inspiriert von der amerikanischen Figur Wonder Woman schaffte Kosasih die Figur Sri Asih (1953). Die Serie erschien im seither populären Heftformat mit insgesamt fünf Titeln.

  

   

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Figur des »Semar« ist ein beliebtes Motiv in Indonesien, hier als Teil einer Installation des indonesischen Künstlers Heri Dono ("Gamelan Goro Goro", 2008); Bildquelle | Heri Dono

 

 

Und es war Kosasih, der schließlich die sehr erfolgreichen Comic-Adaptionen von Geschichten aus den beiden hinduistischen Epen Ramayana und Mahabharata schuf. Der Künstler traf damit einen Nerv, denn dank des Schattenspiels Wayang waren die meisten der Figuren und deren Charaktere in Indonesien weithin bekannt. Seine Bearbeitung visualisierte auf neue Art und Weise die Wayang-Geschichten und ihre vielfältigen Aufführungsformen, etwa als Wayang Kulit mit Figuren aus Leder oder als Wayang Golek mit Holzfiguren. Indem er die traditionellen Geschichten auf das Format eines Comic-Heftes übertrug, zeigte Kosasih auch, wie gut sich das Medium eignet, um die reichhaltige Kultur Indonesiens zum Ausdruck zu bringen. Mit dem aus Bogor stammenden Autor und Zeichner, der 2012 starb, traten auch die Punakawan verstärkt auf der Comic-Bühne auf. Über die Jahrzehnte bis heute begegnet man den Gesellen in unterschiedlichsten Abenteuern. Sie erscheinen als verrückte Familie, als Superhelden oder als chaotische, aber liebenswerte Kumpel aus der sozialen Unterschicht.

 

 

Praxinoskop, Frankfurter Buchmesse 2015 – die Ausschnitte auf der drehbaren Trommel zeigen Beispiele früher indonesischer Comickunst (Serie Mentjari Poetri Hidjau von Nasroen As und Put On von Kho Wan Gie); Bildquelle: Jörg Huhmann

 

 

Am indonesischen Stand in Leipzig oder im beeindruckend gestalteten Gastlandpavillon der Frankfurter Buchmesse erwarteten den Besucher unterschiedliche Formate zum Thema Comic. Spannende Comic-Battle, Diskussionen, Comic-Slams mit Publikumsbeteiligung und Ausstellungen mit indonesischen Künstlern standen auf dem Programm. Das Themenspektrum war ebenfalls weit gefasst, es reichte vom Einfluss der bereits erwähnten Wayang-Figuren, die Möglichkeiten des politischen Comics oder die Graphic Novel. Neben Iwan Gunawan stellten eine ganze Reihe weiterer Akteure des indonesischen Comics Beispiele aus ihrer Arbeit vor. Evan Raditya Pratomo berichtete über seine Erfahrungen als Kinderbuch-Illustrator und den Einfluss des Manga auf seine Zeichnungen. Beng Rahadian, der zu den international aktivsten Künstlern gehört, sorgt seit vielen Jahren mit einigen seiner Kollegen für eine unterstützende Infrastruktur der Comic-Kunst. Neben seinem Engagement in der Comic-Gesellschaft Indonesiens (Masyarakat Komik Indonesia) gründete der Zeichner, Redakteur und Verleger im Jahr 2004 die Akademi Samali in Jakarta. Dieses Lern- und Austauschzentrum organisiert zum Beispiel Comic-Ausstellungen und Workshops und plant, eine Datenbank der Comics in Indonesien aufzubauen. Bei der Gesprächsveranstaltung zum Thema »Indonesische Politik in Comics« stellte der Illustrator und Kommunikationsexperte Harry Prasetyo eines seiner Projekte vor. Als Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Joko Widodo, kurz Jokowi genannt, nahm sich Harry kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2014 vor, seinen Favoriten mit einer Comic-Kampagne zu unterstützen. In Anlehnung an den Comic »Tim und Struppi« verwandelte er den zu dieser Zeit amtierenden Gouverneur von Jakarta in den Protagonisten seiner illustrierten Kampagne »Jokomik«.

 

Konnte dem interessierten deutschsprachigen Leipziger Publikum im März 2015 auf die berechtigte Frage, ob es denn auch Comics indonesischer Künstler in deutscher Übersetzung gäbe, noch keine befriedigende Antwort gegeben werden, hatte sich das mit dem Auftritt Indonesiens wenige Monate später auf der Frankfurter Buchmesse geändert. Erstmals gab es dort eine – wenn auch begrenzte Auswahl – von 20 übersetzten Comic-Werken verschiedener Stilrichtungen zu bestaunen: Darstellungen von Wayang-Figuren aus dem Mahabharata-Epos waren darunter zu finden genauso wie furchtlose moderne indonesische Superhelden, Manga-Charaktere, aber auch Alltagsgeschichten, sogenannte »graphic diary«. Bei sämtlichen Veranstaltungen – ob auf der Leipziger oder der Frankfurter Buchmesse präsentiert – wurde eins klar: Der indonesische Comic hält nicht nur überraschende Protagonisten bereit, sondern bietet Comic-Fans auch über Indonesien hinaus eine facettenreiche Szene.

 

Tatsächlich sind aber immer noch – bedauerlicherweise – erst wenige Comics indonesischer Künstler in andere Sprachen übersetzt. Wer sich Online einen kleinen Eindruck verschaffen möchte, der kann sich bei den Angeboten des Goethe-Instituts Jakarta umsehen. Seit einigen Jahren gibt es mit »Comiconnexions« ein dreisprachiges Online-Portal (DE, ENG, IND), das einen guten Überblick über den Austausch von Comic-Künstlern aus Deutschland und Indonesien sowie anderen Ländern Südostasiens bietet. Auch im Rahmen des Goethe-Projekts »CityTales« finden sich unter anderem Werke von indonesischen Comic-Künstlern, wie etwa Beng Rahadian, auf Deutsch und Englisch übersetzt.

 

Indonesien Magazin Online

 

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