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»Neutrale Straße« – ein Kurzfilmprojekt von Bani Nasution

Bani Nasution: Grenzerfahrungen in der deutschen Provinz

 

Als einer von 5 Auserwählten für den zweiten Part des kulturübergreifenden Filmprojekts »5 Inseln 5 Dörfer«, recherchierte und filmte Bani Nasution an der deutsch-französischen Grenze. Sehr persönlich berichtet er von seinen Erfahrungen in einem Dorf der Einsamkeit.

Text Bani Nasution. Übersetzung aus dem Indonesischen von Birgit Lattenkamp

 

Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017, Quelle: Bani Nasution

 

»Neutrale Straße« – ein Kurzfilmprojekt von Bani Nasution

Bani Nasution: Grenzerfahrungen in der deutschen Provinz

 

Als einer von 5 Auserwählten für den zweiten Part des kulturübergreifenden Filmprojekts »5 Inseln 5 Dörfer«, recherchierte und filmte Bani Nasution an der deutsch-französischen Grenze. Sehr persönlich berichtet er von seinen Erfahrungen in einem Dorf der Einsamkeit.

Text Bani Nasution. Übersetzung aus dem Indonesischen von Birgit Lattenkamp

 

Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017, Quelle: Bani Nasution

 

Seite 1 | Zwei Videos und ein Ticket

 

Anfang Januar 2017 schrieb ich auf Bali meine Bewerbung für das Kurzfilmprojekt »5 Inseln 5 Dörfer« des Goethe Instituts Jakarta. Ich musste daran denken, dass ich schon einmal 5 Monate lang einen Deutschkurs in Yogyakarta besucht hatte. Damals hatte ich ihn nicht abgeschlossen, da mir die Vorstellung fehlte wie ich jemals nach Deutschland gelangen sollte und wer mir eine solche Reise finanzieren könnte. Diese Gedanken demotivierten mich ein wenig. Doch schließlich erhielt ich die Nachricht, dass ich in die engere Auswahl gelangt war und mit einem Mal wuchs mein Selbstvertrauen.

 

Zwei Videos und ein Ticket

 

Im März 2017 wurden 15 Filmemacher zu einem Workshop mit deutschen Mentoren in Jakarta eingeladen. Von diesen 15 Personen stammte nur ich aus Solo, der kleinen zentral-javanischen Stadt, in der Präsident Jokowi einst seine Karriere als Möbelproduzent und Bürgermeister begonnen hatte. In Indonesien leben die meisten Filmemacher in Jakarta oder Yogyakarta und nur wenige außerhalb dieser beiden Zentren. Den genauen Grund kenne ich nicht. Ich denke aber, es hat mit dem Kapital und der Filmindustrie zu tun. Und so antwortete ich im Bewerbungsbogen auf die Frage nach den Beweggründen für einen Filmdreh in Deutschland, dass ich bislang immer Filme gemacht habe, die nahe an meiner eigenen Lebenswirklichkeit spielen. Sie handeln von Familie und politischen und religiösen Stimmungen in meiner Stadt. Meine bisherigen Filme dokumentieren eine Realität wie sie in Solo zu finden ist. Die Charaktere sind einfache Menschen; die Filme handeln von der Konfrontation des religiösen Konservatismus mit Gegenwartsproblemen. Nach Fertigstellung meines letzten Filmes brannte ich darauf, einen Film fern meiner eigenen Lebensrealität zu drehen. Ich suchte eine Herausforderung, die mich zwingt, meine Komfortzone zu verlassen. Ich wollte einen Film über Europäer drehen, von denen ich immer gedacht hatte, sie führten ein moderneres Leben als ich selbst. Zumindest sollte mein nächster Film anders sein - und das auch im Hinblick auf visuelle Aspekte wie Licht- und Farbgebung und auch der Art der filmischen Annäherungen. Hierzu richteten das Goethe Institut und In docs (Filmförderungsprogramm für Südostasien) einen Workshop mit denen direkt aus Hamburg angereisten Mentoren Pepe Danquart und Bernd Schoch aus. Während des Workshops wurden uns zwei Video-Dreh-Aufgaben gestellt. Der erste Arbeitsauftrag lautete, einen Arbeiter bei der Ausübung seiner Tätigkeit mit nur einer Kameraeinstellung zu filmen. Ich filmte einen Toilettenmann. Die Kamera stellte ich auf dem Urinal ab, gerichtet auf das Gesicht des Toilettenmannes. In der zweiten Aufgabe ging es darum, einen Ort in drei Einstellungen festzuhalten. Hier filmte ich die Rinde eines Baumes, ein Kabelknäuel in der Baumkrone im Schein der Sonne sowie den Lärm auf der Hauptstraße vor dem Goethe Institut. Diese zwei Aufgaben sollten zu meinem Ticket nach Europa werden. Denn schließlich wurden die fünf Gewinner bekanntgegeben. Es handelte sich um Rahung Nasution, Adrianus Oetjoe Tunggul Banjaransari, Wahyu Utami und mich. Für jeden von uns hatte das Goethe Institut ein deutsches Dorf ausgewählt. Alle Drehorte unterschieden sich im Charakter von einander. Mir wurde das Dorf Leidingen im Bundesland Saarland zugeteilt.

 

Mein Dorf für drei Wochen

 

Leidingen hat nur 200 Einwohner. Diese sind deutscher und französischer Nationalität. In meiner Heimatstadt dagegen hat schon ein einzelnes Wohnviertel mehr als 200 Einwohner. Doch was die Architektur betrifft, gibt es Gemeinsamkeiten. In Leidingen mischen sich alte und neue Gebäude. Genau wie in meinem Stadtviertel Kampung Laweyan, das auf eine lange Geschichte der Batik Industrie, des Königreichs Pajang und der islamischen Bewegung zurückblicken kann. Leidingens Geschichte ist die des Krieges. Um den Ort stritten sich zwei Länder bis man ihn schließlich durch eine Straße, der man den Namen »Neutrale Straße« gab, teilte. Diesen Namen machte ich auch zum Titel meines Films. Es war meine Art dieser Straße meinen Dank auszudrücken. Denn als Tourist, der aus einem Dritte-Welt-Land stammt, durfte ich die Erfahrung machen zwischen Deutschland und Frankreich zu wandeln, ohne eine Grenzkontrolle zu passieren. Die Grenze war sogar weit geöffnet.

 

Doch leider stellte sich der Ort selbst als verschlossen heraus. Oder genauer gesagt, traf ich dort auf geschlossene Gebäude. Die Feuerwehr, Geschäfte, Milchfabrik, Alkoholfabrik, allesamt geschlossen. Auch in der Kirche fanden keine Aktivitäten statt. Lebendigkeit und Ausgelassenheit begegneten mir lediglich am Tag eines Hochzeitsfestes. Dieser war sehr festlich und stand im völligen Kontrast zu den ansonsten von Stille geprägten Tagen. Es versammelten sich vielleicht hundert Menschen, um die Hochzeit des Brautpaares Kleber zu feiern. Am Nachmittag fand ein Umzug mit riesigen Traktoren statt, die normaler Weise zur Feldarbeit genutzt wurden. An diesem Tag jedoch holte man die Traktoren heraus, um inmitten der Menschenmenge anzuhalten und den Platz mit allen möglichen Dingen zu verschmutzen, angefangen von Flaschenverschlüssen, über Stroh und Dachziegeln, bis hin zu anderen zerbrochenen Gegenständen. Bis jetzt weiß ich immer noch nicht ganz genau, warum sie das getan haben. Aber vielleicht handelte es sich um ein Ritual wie das des Eierzertretens bei einer javanischen Hochzeit. In beiden Fällen wird etwas zerbrochen. 

 

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Eindrücke aus dem Filmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen (an der deutsch-französischen Grenze) 2017

 

 

Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution. Hier mit seinem Tandempartner Malte Rollbühler, Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution
Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution. Der Filmemacher beim Dreh. Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution
Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution
Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution
Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution
Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution
Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution
Kurzfilmprojekt »Neutrale Straße« von Bani Nasution, Leidingen 2017.
Quelle: Bani Nasution

 

 

Seite 2 | Deutsch-Indonesische Zusammenarbeit

 

Deutsch-indonesische Zusammenarbeit

 

Ehrlich gesagt war es für mich eine neue Erfahrung mit Deutschen einen Film zu drehen. Aus Erzählungen wusste ich bereits, dass die Deutschen sehr pünktlich und diszipliniert sind und nur ungern improvisieren. Jeder Schritt muss von Anfang an geplant und genauestens abgesteckt werden. Während meine Art zu arbeiten eher dem Gegenteil entspricht. Ich liebe es zu improvisieren und tendiere zu nicht ganz ausgereiften Planungen. Für mich ist die Hauptsache, die finanziellen Mittel reichen und die Sonne scheint. Dann lege ich mit dem Filmen los. Schließlich traf ich meinen Tandempartner Malte Rollbühler. Wir diskutierten und tauschten uns über unsere Gewohnheiten aus. Ich erinnere mich an einen lustigen Vorfall. Als wir unsere Dreharbeiten am französischen Wahltag beendet hatten, planten wir auf einen Hügel zu steigen und dort die Stimmenauszählungen abzuwarten. Plötzlich begann es zu regnen. Malte schlug vor zur Unterkunft zurückzukehren. Denn schließlich sei es besser zu Hause zu sein als in völlig durchnässter Kleidung auf dem Hügel unter einem Baum ausharrend auf das Ende des Regens zu warten. Für mich machte das keinen Sinn, da unsere Unterkunft ca. 6 Kilometer entfernt lag. Schließlich entdeckte ich oben auf dem Hügel einen Tisch und einen Stuhl aus Holz. Ich schlug Malte vor, dass wir uns unter den Tisch legen sollten, um uns vor dem Regen zu schützen. Das Wichtigste war, unsere Kameraausrüstung war durch eine Regenjacke geschützt. Zunächst war Malte nicht damit einverstanden. Doch als er sah wie ich unter den Tisch kroch, tat er es mir schließlich gleich. Ich brachte Malte auch bei wie man Nasi Goreng kocht. Er fand es lecker. Obwohl ich dafür Milchreis verwendete, der eher für die Zubereitung von Brei geeignet ist. Meiner Meinung nach war Malte ein sehr angenehmer Tandempartner, auch wenn wir hin und wieder über die Art und Weise der Behandlung und das Arrangement der erzielten Filmaufnahmen diskutierten. Doch am Ende zählt die Essenz, die man aus den Aufnahmen ziehen kann. Und die Essenz die ich aus dem Ort Leidingen gewonnen habe, ist Stille und Einsamkeit.

 

Nein, nein und nochmals Nein

 

Eines Morgens musste Malte Rollbühler Leidingen verlassen, um zur Beerdigung seiner Großmutter zu fahren. Um 9 Uhr fuhr er mit einem Kleinbus los, später stieg er in einen Zug um. Wir verabschiedeten uns auf einem kleinen Platz in der Nähe der Feuerwache. Nachdem Malte abgefahren war, erblickte ich das Bäckereiauto, das alle drei Tage nach Leidingen kam und die Anwohner mit Backwaren versorgte. Ich fuhr im Wagen mit, damit ich die Kaufabwicklungen zwischen den Dorfbewohnern und dem Brotverkäufer filmen konnte. Mehrmals geschah es, dass die Kunden nicht gefilmt werden wollten. Da ich kein Deutsch spreche, verstand ich nicht genau, was sie sagten. Doch ihre Mimik und Gestik deuteten darauf hin, dass ich sofort gehen sollte. Nachdem ich ausgestiegen war, ging ich zu dem Haus eines Bürgers, den ich auf dem Hochzeitsfest kennengelernt hatte. Ich klopfte und mir wurde geöffnet. Dann las ich einen Brief vor, den Malte für mich auf Deutsch formuliert hatte. Ich bat um Erlaubnis für Filmaufnahmen im Hausinneren. Der Bewohner lehnte ab und schlug vor, es doch im Nachbarhaus zu versuchen. Aber auch dort bekam ich keine positive Antwort. Schließlich ging ich von Tür zu Tür und wurde doch überall abgewiesen. Immer wieder hieß es: »Nein, nein, nein.« Diese Worte waren es, die sich bis zum späten Nachmittag in mein Gedächtnis eingebrannt hatten. Ich stieg zu unserem Haus auf einem der Hügel hinauf. Die Dämmerung setzte ein und bis zum späten Abend blickte ich hinab auf das Dorf. Ich öffnete eine Flasche Wein, es herrschte Stille, kein Ton war zu hören. Auch die Nacht war stockfinster.

 

Die Zukunft Leidingens

 

Außer der Stille und Einsamkeit, hielt ich auch den Wahltag der französischen Präsidentschaftswahlen mit meiner Kamera fest. Es waren 189 Wahlberechtigte registriert. Auch im Wahllokal war es sehr still. Ungefähr alle 10 Minuten kam eine Person, um zu wählen. Ich fragte die Leute, was aus der Grenze werde, nachdem ein neuer Präsident gewählt worden sei. Wie ich aus den Medien wusste, vertraten die Kandidaten Macron und Le Pen komplett unterschiedliche Ansichten. Der Ausgang der Wahl würde sicherlich einen großen Einfluss auf dieses Grenzdorf haben. Wie mir auch zu Ohren gekommen war, ob Gerücht oder Wahrheit, würde im Fall eines Wahlsiegs von Le Pen, Frankreich aus der EU austreten mit drastischen Folgen für Leidingen. Die bislang weit offenstehende Grenze würde geschlossen werden. Touristen wie ich könnten nicht mehr einfach so Selfies am Monument der deutsch-französischen Grenze machen. Und außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, um wieviel stiller dieser Ort noch werden würde.

 

Ein erstes Feedback und ein neues Projekt

 

Nachdem der Film in Jakarta und Yogyakarta gezeigt worden war, meinten viele meiner Freunde, dass der Film Ähnlichkeiten mit meinem vorherigen Film Sepanjang Jalan Satu Arah (»Entlang der Einbahnstraße«) habe. Beide Filme erzählten von Jugendlichen, die mit Grenzen konfrontiert werden. Im Film Sepanjang Jalan Satu Arah stellen Religion und Familie die Grenze dar. Im Film »Neutrale Straße« ist es die kulturelle Kluft, die zur unsichtbaren Grenze wird.

 

Momentan arbeite ich an der Fertigstellung eines längeren Films, dem ich den Titel Setyowati The Invisible Wife gegeben habe. Setyowati ist der Name eines unsichtbaren Wesens, der Bewacherin einer Quelle inmitten des Waldes. Als immer mehr Waldflächen gerodet werden, bittet sie die Leute, um die Hochzeit mit einem Menschen, dem Theaterkünstler Mbah Kodok, damit die Natur genesen könne. Diese Geschichte ist ein wenig surreal, doch durch den Einsatz des Erschaffers dieses Mythos und seines Hauptdarstellers Mbah Kodok wird die Geschichte innerhalb der Gesellschaft zum Leben erweckt. Hoffentlich kann Setyowati The Invisible Wife dieses Jahr veröffentlicht werden und auf seine Zuschauer treffen.

 

 

Aufnahme aus dem neuen Fim von bani Nasution Setyowati The Invisible Wife; Bildquelle: ©David Fajar

 

Bani Nasution | geboren in Surakarta (Solo) 1989, machte seinen Abschluss in Kunst am Indonesian Institute of the Arts in Surakarta (ISI = Institut Seni Indonesia Surakarta), Zentral-Java. Er hat bisher dokumentarische Kurzfilme gedreht wie Along The One Way (»Entlang der Einbahnstraβe«), der auf mehreren Filmfestival gezeigt wurde, u.a. beim Singapore International Filmfestival (SGIFF), Jogja NETPAC Asian Film Festival (JAFF), Festival Film Dokumenter (FFD) und anderen. Gegenwärtig arbeitet Bani Nasution an einer Langfilm-Dokumentation mit dem Titel Setyowati: The Invisible Wife, eine surreale, mythologische Erzählung über die Ehe zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen.

 

 

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