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Selbstmedikation im Regenwald

Dschungelapotheke

 

Auf Borneo benutzen Orang-Utans zur Selbstmedikation teilweise die gleichen Pflanzen wie die Einheimischen. Eine Forschungsstudie an der University of Cambridge hat ergeben, dass die Menschenaffen zur Behandlung einen Speichel-Pflanzen-Mix mit entzündungshemmender Wirkung herstellen.

von Greta Philippsen

 

Der indonesische Regenwald ist für die rotbraunen Menschenaffen Heimat und Apotheke zugleich. Hier finden sie alles, was sie zur Selbstmedikation brauchen; Quelle: BOS Deutschland

 

 

Der Dschungel ist eine gut ausgestattete Apotheke. Mensch und Tier wissen sich daran zu bedienen. Ende 2017 belegte eine Studie erstmals, dass auch die Borneo-Orang-Utans die Kunst der Selbstbehandlung beherrschen. Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler erbrachten mit ihren Forschungsergebnissen gleichzeitig erstmals einen Beleg für die externe Anwendung von anti-entzündlichen Stoffen im Tierreich überhaupt!

 

Ihren Beweis dafür, dass Tiere sich anhand externer Anwendung von Pflanzen selbst heilen, erbrachten sie unter Zuhilfenahme des sogenannten »fur rubbing«. Dabei reiben Tiere ihr Fell beziehungsweise die Haut regelrecht mit Pflanzenteilen ein. Bisherige Beobachtungen ließen lediglich den Schluss zu, dass diese Methode dazu diente, Parasiten oder unliebsame Hautschichten loszuwerden. Auch offene Wunden wurden damit behandelt, und Pflanzen teils auch als Insektenschutz benutzt.

 

Ein Orang-Utan durchstreift den Regenwald auf der Suche nach Pflanzen. Während manche der reinen Nahrungsaufnahme dienen, werden andere zu Heilzwecken genutzt; Quelle: BOS Deutschland

 

 

 

Jetzt jedoch fanden die Wissenschaftler Erstaunliches heraus, indem sie Material aus zehn Jahren Orang-Utan-Beobachtung auswerteten. Sechs Weibchen und ein Männchen wurden insgesamt 20.000 Stunden in ihrem Umgang mit Pflanzen beobachtet. Dabei zerkauten sie unter anderem die Blätter der Dracaena cantleyi und schmierten sich anschließend den Speichel-Pflanzen-Mix auf ihre Gliedmaßen, statt ihn hinunterzuschlucken.

 

Diese Pflanze aus der Gattung der Drachenbäume galt unter Forschern aufgrund ihres bitteren Geschmacks bislang als für die Menschenaffen ungenießbar. Jetzt jedoch waren sich die Wissenschaftler einig, dass ihr Verzehr nicht dem Genuss oder der Nahrungsaufnahme dient, sondern einem ganz anderen Zweck: Die Labor-Untersuchung einer Pflanzenprobe zeigte nämlich, dass die Dracaena cantleyi entzündungshemmende Eigenschaften besitzt, die die Expression des entzündlichen Zellanhaftungsmoleküls E-Selectin (ELAM, CD62E) verhindert.

 

Dr. Helen Morrogh‑Bernard, die Hauptautorin der Studie, berichtete zudem, dass vor allem Affenweibchen, die ihr Junges mit sich tragen, zu dieser Methode greifen. Die Wissenschaftler nehmen an, dass diese Selbstmedikation die Schmerzen in den Muskeln und Gelenken, die durch das dauernde Tragen des Jungtieres auftreten, lindert.

 

Interessanterweise nutzen auch Einheimische die Pflanze, um ihre entzündeten Gelenke und Muskeln damit zu behandeln. Vermutlich haben die Menschen sich dieses Verhalten sogar bei unseren nächsten Verwandten, den Orang-Utans, abgeschaut.

 

 

 

 

 

 

 

Indonesien Magazin Online

 

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