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In Erinnerung an | Dr. Peter Sternagel

Literatur war seine Leidenschaft

 

Dr. Peter Sternagel ist im Alter von 86 Jahren in Berlin verstorben. Vielen wird er vor allem durch seine Übersetzungen indonesischer Literatur in die deutsche Sprache in Erinnerung bleiben. Doch das ist nur eine prägende Geschichte dieses weltgewandten Kulturvermittlers. 

Ein Nachruf von Dr. Werner Kraus

 

Dr. Peter Sternagel während einer Lesung mit Andrea Hirata im Literaturhaus Berlin, 2015; Bildquelle: Jörg Huhmann

 

 

Dr. Peter Sternagel  *28. 12. 1933 † 5. 4. 2020

Jede Zeit und jede Subgesellschaft kennt eine Generation, von der man sagt, dass mit ihrem Abgang eine Ära zu Ende geht. Eine Generation, die das Leben durch Erfahrungsfelder geschickt hat, die spezifisch waren und die eine Betrachtungskultur entwickelt und gepflegt hat, die eben nur von ihr so hat gelebt werden können. Für die deutsche Indonesianistik, die traditionell aus einem akademischen und einem (wesentlich umfangreicheren) nicht-akademischen Teil besteht, deutet sich mit dem Tod von Peter Sternagel und anderen Kollegen, die ihm vorausgegangen sind oder bald nachfolgen werden, eine solche Zeitenwende an. Was diese, unsere Generation als Gruppe definiert ist das frühkindliche Erleben von Gewalt und Tod, die wir als Kriegs- oder unmittelbare Nachkriegsgeneration erfahren haben. Wenn ein kleines Kind durch Bombenexplosionen oder kreischende Panzerketten aus dem Schlaf gerissen oder mit einem Flüchtlingstreck durch halb Europa gejagt wurde, dann hat sich diese Erfahrung tief in seine Seele und seinen Körper eingebrannt und bleibt als Trauma jederzeit abrufbar und ermöglicht tieferes empathisches Verstehen anderer Traumatisierter. Deutschland und Indonesien sind zwei Länder, die durch tiefe Verstörungen gegangen sind und davon geprägt wurden: wir durch den mörderischen Faschismus und den millionenfachen Mord an den Juden Europas, Indonesien durch den internen Massenmord von 1965 und die Repression der Militärdiktatur danach. Ich kann mich gut an das Entsetzen erinnern, das sich in einem kleinen Raum in Denpasar ausbreitete, als eine Mutter von der Ermordung ihres Sohnes berichtete. Er war 1965, als er nach abgeschlossenem Medizinstudium in Moskau in Bali eintraf, auf dem Flugfeld vor den Augen der freudig wartenden Eltern ermordet worden. Das Entsetzen, das damals in mir hochkroch und mich paralysierte war das gleiche, das mich wieder und wieder in meiner Jugend gepackt hatte, wenn ich ähnlich entsetzliche Geschichten der deutschen Verbrechen in ähnlich kleinen Räumen vernehmen musste. Das ist die »Oberfläche dahinter«, der latar-belakang, die auf vielen indonesischen und deutschen Seelen liegt und deren eingraviertes Leid ein tiefes Verständnis der respektiven Generationen – unbewusst – ermöglicht hat.

 

Peter Sternagel wurde 1933 in Waldenburg in Schlesien geboren. Sein Vater Martin war ein Maler und Grafiker, der an den Akademien in Breslau und München studiert hatte und der 1943 in der Sinnlosigkeit des Krieges untergegangen war. Nach dem Krieg folgte das Elend der Vertreibung: die Großeltern, die Mutter, der jüngere Bruder und Peter auf der Flucht. Peter hat mir, als wir 1997 auf den Spuren Raden Salehs durch Dresden zogen, erzählt, dass er schon einmal hier gewesen sei, dass er am 12. Februar 1945 mit seiner Familie durch Dresden kam – einem Tag vor dem Angriff der britischen Bomber auf »Elbflorenz« bei dem besonders viele Flüchtende ums Leben kamen. Als sie sich am Abend des 13.2.45 umblickten, sahen sie einen großen Feuerschein am Nachthimmel.

 

Zunächst fand die Familie ein vorübergehendes Zuhause in Wolfenbüttel und schließlich eine neue Heimat in Heidelberg. Peter besuchte das humanistische Gymnasium und machte dort sein Abitur bevor er ein Studium der Mathematik und Physik begann und nach kurzer Zeit abbrach. Nicht die Naturgesetze, sondern der Thespiskarren hatte es ihm angetan. Also ab nach München in die Schauspielschule.

 

Seine erste größere Rolle war die des Klassensprechers Hans Kleinschmidt im dramatischen Unterhaltungsfilm Immer wenn der Tag beginnt. Neben Peter spielte Ruth Leuwerik die Hauptrolle und, man mag es kaum glauben, auch Rex Gildo hatte hier seinen ersten Auftritt. Im Gegensatz zu Rex fühlte sich Peter nicht zum Unterhalter berufen. Er ging zurück an die Maximilian Universität München und schloss 1965 ein Studium der Geschichte mit der Promotion (summa cum laude) ab. Da war er auch schon mit Renate verheiratet und die beiden verschmolzen in der Folgezeit zu den »Sternagels«.

 

Nach erfolgreichem Studienabschluss stand er abermals vor dem offenen Tor des Lebens. Der Optionen waren es viele: akademische Laufbahn, Archivdienst oder doch etwas Abenteuerlicheres? Er entschloss sich fürs Abenteuer, wenngleich auf einer soliden Basis: Peter trat in den Dienst des Goethe Instituts. Der erste Auslandsaufenthalt führte die Sternagels nach Jakarta (1968-1975). Damit war gewissermaßen eine Weiche für beider Leben gestellt. Zwar ging es zunächst weiter nach Osaka und zurück nach München. Doch Indonesien blieb präsent und als der Posten des Leiters des Goethe Instituts in Bandung ausgeschrieben wurde bewarb sich Peter. Von 1988 bis zum Ende seiner beruflichen Laufbahn 1996 blieben die Sternagels im intellektuellen und klimatisch angenehmen Bandung. Die damaligen Zeiten in Indonesien waren hart, es war die Suharto-Zeit. Das klassische Goethe Institut Publikum, oppositionelle Künstler und kritische Studenten, suchten nach intellektuellem Austausch und wussten, dass sie im Goethe-Institut willkommen waren. Für den Leiter des Instituts war das immer eine Gradwanderung. In Bandung kehrte übrigens Peter noch einmal kurz auf die Bühne zurück. Er spielte im Stück »Die chinesische Mauer« von Max Frisch den Napoleon. Das Stück handelt von einem autokratischen chinesischen Kaiser, der sich durch den Bau einer Mauer von »ausländischen« Gedanken der Emanzipation und Veränderung abgrenzen wollte. Die Inszenierung des Stücks war in der kulturellen Situation des Suharto Indonesiens eine höchst allegorische und damit eine politische Handlung, die, wie Renate bezeugt, von Peter sehr genossen wurde. Und hier kommt wieder das anfänglich erwähnte Trauma ins Spiel – es trafen sich das deutsche und das indonesische Trauma und beide erkannten sich und konnten miteinander umgehen.

 

Ich nehme mir hier die Freiheit einer kleinen persönlichen Replik. 1995 wollte das Goethe Institut in Bandung der Republik Indonesien zu deren 50. Geburtstag ein spezielles Geschenk machen. Peter entschloss sich für ein Symposium zum Leben und Werk des javanischen Malers Raden Saleh. Raden Saleh war zu dieser Zeit noch ziemlich unbekannt. Aber man wusste, dass er viele Jahre (zwischen 1839 und 1849) in Deutschland gelebt hatte, dass er ziemlich gut Deutsch sprach und dass er bis zum Ende seines Lebens fest mit Deutschland verbunden war. Als Sprecher eingeladen waren, neben dem führenden indonesischen Kunsthistoriker Jim Supangkat, auch ich. Und so kam es zum denkwürdigen Zusammentreffen von Peter und Renate Sternagel, Botschafter Heinrich Seemann, Horst Jordt und mir, 5 Personen die sich seit jener Zeit nie mehr aus den Augen verlieren sollten und die Teil jener Generation sind, mit deren Abtreten eine spezifische Art der deutschen Auseinandersetzung mit Indonesien zu Ende gehen wird. Peter trat mir zunächst mit seiner bekannten kühlen Zurückhaltung gegenüber, die ich aber bald als seine Art der Kontaktaufnahme verstand. Er brauchte etwas Zeit, um dann der sprühende Unterhalter werden zu können, der er war. Wir gründeten spontan die Zeitschrift Raden Saleh Bulletin, deren zweite Ausgabe bereits gestoppt werden musste, weil der Sponsor, das Versteigerungshaus Christie’s, sich in die redaktionelle Arbeit einmischen wollte, was der Herausgeber Peter Sternagel vehement zurückwies. Dennoch muss man sagen, dass das Symposium in Bandung 1995 zur Initialzündung für die Raden Saleh Forschung wurde und damit auch irgendwie die geradezu explosive Entwicklung der Preise des Malers auf dem internationalen Kunstmarkt zu verantworten hat.

 

Dr. Peter Sternagel und der Autor Andrea Hirata (Die Regenbogentruppe und Der Träumer) bei einer Lesung im Oktober 2015 in Berlin. Dr. Peter Sternagel übersetzte beide Werke vom Indonesischen in die deutsche Sprache; Bildquelle: Jörg Huhmann

 

Nach seiner Pensionierung blieben Peter und Renate Indonesien treu. Renate vollendete ihre große Junghuhn Biografie und veröffentlichte dann das wunderbare »Javanische Tagebuch« der Therese von Bacheracht-Lützow, bevor sie mit der dreibändigen Edition der Korrespondenz zwischen Fanny Lewald und Adolf Stahr in ein größeres Feld der deutschen Literaturgeschichte wechselte. Peter dagegen widmete sich von nun an der Übersetzung indonesischer Literatur in die deutsche Sprache: Umar Kayam, Ayu Utami, Andrea Hirata, Wiji Thukul, Afrizal Malna, um nur einige Namen zu nennen. Durch die Romane und Kurzgeschichten dieser zeitgenössischen Autoren wurde er tief mit den aktuellen Problemen der indonesischen Literatur und der indonesischen Gesellschaft vertraut. Über Jahre erlebten wir ihn nun häufig als kenntnisreichen Diskutanten in Veranstaltungen zu indonesischen Themen - aber nur wenn er dafür seinen geliebten Scrabble-Abend oder sein Tischtennistraining nicht aufgeben musste.

 

Jetzt, nachdem er von uns gegangen ist und vieles lose im Raum flattert, bleibt uns allein die Dankbarkeit übrig. Die Dankbarkeit gegenüber Peter Sternagel, der als kleiner Junge aus Schlesien vor dem Terror des Krieges flüchtete und der danach in Heidelberg zum geistigen Menschen heranreifte. Gegenüber Peter, der die Welt des Films betrat und sie wieder verließ, um sich zum Historiker auszubilden. Und schließlich dankbar gegenüber dem Mann, der sich der praktischen Aufgabe der Völkerfreundschaft zuwandte und der in den letzten Jahren, als Übersetzer, viele Menschen an Indonesien und die indonesische Literatur herangeführt hat.

Selamat berlayar, Peter, dan sampai bertemu nanti.

 

 

Über den Autor | Dr. Werner Kraus

Als ausgewiesener Kenner der Kunstgeschichte Südostasiens hat sich Kraus viele Jahre dem Werk Raden Salehs gewidmet. Entstanden ist eine beeindruckende Künstlervita über die vielschichtige Rolle Raden Salehs als Maler, Gelehrter und Kunsterzieher, als Sammler und Konservator. Dr. Werner Kraus ist gegenwärtig Direktor des Dokumentationszentrums Centre for Southeast Asian Art in Passau.

 

 

 

 

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