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Künstlerkollektiv Teru

Mahina – Eine Ode an die Frau

 

Im Gespräch mit dem Künstlerkollektiv Teru erfahren wir mehr, über das Fotoprojekt »Mahina« und warum die Porträts niederländischer Frauen mit molukkischer Herkunft ein Tabubruch sind.

Ein Interview von Vanessa von Gliszczynski und Sarah Stuckhardt

 

Demelza Ranck: »Meine Tätowierungen sind Zeichen von Kraft und Verbundenheit«; Quelle: Weltkulturen Museum (WKM) / Foto: Künstlerkollektiv Teru

 

In der Ausstellung »Weltenbewegend. Migration macht Geschichten« präsentiert das niederländische Künstlerkollektiv Teru neun Porträtfotografien aus seinem Projekt »Mahina. Einen Ode an die Frau«. Für Mahina fotografierten Atêf Sitanala, Jaïr Pattipeilohy und Lesli Taihuttu niederländische Frauen molukkischer Abstammung und befragten sie zu ihrer persönlichen Geschichte als Migrantinnen in der zweiten und dritten Generation. Für die Ausstellung haben neun der Frauen zu ihren Geschichten Objekte aus der Molukken-Sammlung des Weltkulturen Museums ausgesucht. Vanessa von Gliszczynski, Südostasien-Kustodin und Sara Stuckhardt, Praktikantin am Weltkulturen Museum haben Teru zum Interview getroffen.

 

 

 Logo des Künstlerkollektivs Teru

 

 

Könnt Ihr uns erzählen, wie es zur Gründung des Künstlerkollektivs Teru und zu eurem Projekt Mahina gekommen ist?

 

Künstlerkollektiv Teru: Wir drei sind alle Enkel molukkischer KNIL-Soldaten, die 1951 in die Niederlande gebracht wurden. Unsere Freundschaft basiert auf unserem gemeinsamen Interesse für unsere molukkischen Wurzeln und unserer Leidenschaft für Geschichten, Fotografie und die Kulturen der Molukken. 2013 haben wir uns zusammengeschlossen, um uns gegenseitig zu stärken und uns durch die Zusammenarbeit zu ergänzen. »Teru« bedeutet drei und diese Zahl hat in den Molukken eine tiefere Bedeutung: Hier ist eins plus eins »Drei« – das Ganze ist größer als die Summe der Teile. 

»Mahina« bedeutet Frau oder Mutter und mit dem Projekt unterstreichen wir die wichtige Rolle der Frauen in der Gemeinschaft der Molukker in den Niederlanden. Unsere Mütter und Großmütter haben die Gemeinschaft in schwierigen Zeiten unterstützt, aber ihre Rolle wurde nie richtig hervorgehoben – bis jetzt.

 

Für Mahina habt Ihr über 100 Niederländerinnen molukkischer Abstammung porträtiert. Wie habt Ihr die porträtierten Frauen gefunden?

 

Teru: Die meisten Frauen kannten wir vorher nicht – wir haben sie über Facebook gesucht. Das war ziemlich schwer, denn wir wollten die ganze kulturelle Vielfalt der über 1.000 Inseln in den Molukken abbilden. Die meisten Molukker in den Niederlanden kommen aus den Zentralmolukken, wie Ambon und den umliegenden Inseln – diese Region steht oft im Fokus, andere Gruppen werden übersehen. Mit Mahina aber wollen wir Menschen verbinden, auch über die molukkische Community hinaus.

 

Bei Mahina steht die Rolle der Frau in der Diaspora im Fokus. Welche Rolle spielen Frauen in der molukkischen Diaspora oder allgemein in migrantischen Gemeinschaften?

 

Teru: In den Molukken haben die Frauen traditionell eine starke Position. Dies hängt mit einem dualen Weltbild zusammen, in dem die Frauen (Ina) und die Männer (Ama) sich gegenseitig ergänzen. In den Niederlanden bildeten die Frauen in turbulenten Zeiten das Rückgrat der Community. Frauen spielen eine verbindende Rolle, sie sind die stille Kraft.

In der niederländisch-molukkischen Gemeinschaft herrschen immer noch traditionelle Rollenbilder vor, obwohl beide Geschlechter heute die gleiche Ausbildung genießen. Also kümmern sich die Frauen um die Kinderbetreuung und tragen den größeren Teil zum Kulturtransfer bei. Nach der molukkischen Weltanschauung wird eine solche traditionelle Rollenverteilung positiv gesehen. Die Emanzipation wird daher auch ganz anders betrachtet.

 

Die Molukker in den Niederlanden stammen zum größten Teil von einer Gruppe von ca. 12.000 Molukkern ab, die in den 1950ern aus dem heutigen Indonesien in die Niederlande gebracht wurden. Wie seht Ihr die Position der molukkischen Gemeinschaft in den Niederlanden heute – welche Herausforderungen gibt es?

 

Teru: Die Molukker in den Niederlanden haben eine einzigartige Geschichte und eine einzigartige Position in der niederländischen Gesellschaft. Sie kamen aber nicht freiwillig, sondern wurden von der niederländischen Regierung herübergebracht. Die erste Generation hatte immer den Wunsch zurückzukehren. 

Die Entkolonialisierung, die kollektive Entlassung aus dem niederländischen Militärdienst und der Wandel von einem vorübergehenden in einen permanenten Aufenthalt haben in der Gemeinschaft tiefe Spuren hinterlassen. Es gibt immer noch viele generationsübergreifende Traumata. Im Hinblick auf diese Geschichte entsteht so etwas wie eine Hassliebe zwischen der molukkischen Gemeinschaft und den Niederlanden. Aber dennoch ist die Gemeinschaft sehr gut in die niederländische Gesellschaft integriert. 

Am Anfang lag der Fokus auf politischen Herausforderungen: der Lage der Molukker in den Niederlanden und – für einen großen Teil der Gemeinschaft – auch dem Kampf für eine von Indonesien unabhängige Republik der Südmolukken (RMS). Seit den 1990er-Jahren ist die große Herausforderung die Bewahrung unserer molukkischen Kulturen. Kulturtransfer fand in den ersten beiden Generationen weniger Beachtung, aber jetzt sind viele junge Menschen auf der Suche nach ihrer kulturellen Identität. Dabei spielen auch Werke deutscher Ethnologen eine wichtige Rolle, z. B. von Adolf E. Jensen – dem ehemaligen Direktor des heutigen Weltkulturen Museums.

 

Wie wird Mahina in der Community wahrgenommen?

 

Teru: Die Art, wie wir die Frauen in Mahina porträtiert haben ist einzigartig – und ein Tabubruch. Wir haben viel Lob und Anerkennung dafür erhalten, dass wir die Vielfalt der molukkischen Gemeinschaft visualisiert haben. Dafür haben uns viele Leute öffentlich gedankt. Weil erstmals die Frauen im Fokus standen, haben die molukkischen Frauen das Projekt sehr positiv aufgenommen.

 

Wie waren die porträtierten Frauen von Mahina in das Projekt involviert? Wie haben Sie auf die Fotos reagiert?

 

Teru: Für die Porträts, die auch im Weltkulturen Museum zu sehen sind, haben wir mit den Frauen und ihren Familien nach Themen gesucht, die im Leben ihrer Vorfahren wichtig waren und für sie persönlich auch heute noch eine wichtige Rolle spielen. Für die Frauen war dies eine Suche nach einem Teil der Kultur ihrer Vorfahren und eine Wiederentdeckung ihrer Identität. 

 

Welches Verhältnis habt Ihr zu den Molukken bzw. zu den Niederlanden?

 

Teru: Wir sehen die Molukken als unser Zuhause, auch wenn wir nicht dort geboren wurden. Unsere Familiennamen sind mit den Molukken verbunden und es leben immer noch Verwandte dort. Aber auch die Niederlande sind unser Zuhause – Wir sind hier geboren und aufgewachsen. Aber die emotionale Identifizierung mit den Molukken spiegelt sich in unserem Alltag wider, in dem familiäre Bindungen unabdingbar sind.

 

Das Interview ist das erste Mal in der Oktober-Ausgabe »In Bewegung« der Weltkulturen News erschienen, einem neuen Medium des Weltkulturen Museums.

 

 

 Atêf Sitanala 

 

 Jaïr Pattipeilohy

 

Lesli Taihuttu

Künstkerkollektiv Teru, alle drei teilen die Leidenschaft für Fotografie und vor allem für ihre gemeinsame molukkische Kultur. Alle drei sind in den Niederlanden geboren und aufgewachsen, stehen aber seit ihrer Kindheit auch in engem Kontakt mit ihren Familien in den Molukken.; Quelle. WKM  / Künstlerkollektiv Teru

 

  

Infobox: 

Im Osten des heutigen Indonesiens liegen die Molukken, bestehend aus ca. 19 Inselgruppen und mehr als 1.000 Inseln. Die Sprachen und Kulturen der Molukken weisen viele Ähnlichkeiten, aber auch markante Unterschiede auf.

Die Molukken sind auch als »Gewürzinseln« bekannt und zählen zu den ersten Inseln, die ab 1600 zunächst durch die niederländische Handelsvereinigung VOC und später von der Krone kolonialisiert wurden. Viele Molukker waren im Dienst der niederländischen Kolonialarmee KNIL und galten als besonders loyal. Nach der Unabhängigkeit des heutigen Indonesiens (1949) wurde die KNIL aufgelöst. Da viele molukkische KNIL-Soldaten Repressalien befürchteten, und von ihren Posten aus nicht in die Molukken zurückkehren durften, wurden sie 1951 in die Niederlande gebracht und dort aus dem Dienst entlassen. Seit der Ausrufung der heutigen Republik Indonesien gibt es auf den Molukken eine Unabhängigkeitsbewegung (RMS), die auch in den Niederlanden unterstützt wird.

 

Schild Holzschwert und Schneckentrompete sind zentrale Symbole molukkischer Identität in der Diaspora. Sammlung Weltkulturenmuseum; Bildquelle: WKM, Foto: Wolfgang Günzel, 2019

 

 


Hinweise der Redaktion

 

KNIL Die Königliche Niederländisch-Indische Armee/KNIL (‘Koninklijk Nederlands-Indisch Leger’) wurde 1830 nach dem Javakrieg (1825-1830) gegründet. Die meisten Soldaten waren Einheimische, die bei der Niederschlagung von Aufständen gegen ihre eigenen Landsleute kämpften (…). Quelle: Arntz, Frederic. 2010. Endstation Niederlande: Eine Untersuchung zur Integration der Molukker seit den 1950er Jahren, Niederlande-Studien, Kleinere Schriften, Heft 11, Waxmann Verlag Münster, S. 29ff.

 

 

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