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Inselleben im Plastikzeitalter

Der balinesische Weg

 

An diesem Abend in Batubulan steht die Zukunft Balis auf der Agenda. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen aus Bali, Java und dem Ausland diskutieren gemeinsam über die Probleme auf der Insel.

Von Birgit Lattenkamp

 

 »Zeremonie auf Bali«, Szene aus einem Dreh für eine Doku | Bildquelle: Birgit Lattenkamp  

 

»Gebt uns unsere Erde zurück! Gebt uns unser Wasser zurück! Gebt uns unsere Luft zurück! Unsere Seelen suchen die Unabhängigkeit. Unsere Erde vergießt Tränen. Der Himmel weint«.

 

An jenem Abend in Batubulan, Bali, gehen die Worte unter die Haut. Und als wolle der Himmel die Worte des Schriftstellers Wayan Sunarta bekräftigen, fängt es tatsächlich in Strömen an zu regnen. Eine Menschenschar hat es trotz des schlechten Wetters und trotz der der abenteuerlichen Wegverhältnisse in den kleinen Palmenwald hinter der Mepantingan‐Kampfstätte, in der gewöhnlich traditionell balinesische Schlammringkämpfe stattfinden, gezogen. Fackeln tauchen den Wald in ein mystisches Licht. In einer andächtigen Zeremonie wird der Beistand der Götter erbeten. Doch dann wird es laut. Begleitet von wildem Getrommel reitet Wayan Sunarta auf einem Pferd stehend zwischen den Palmenreihen hindurch. Dabei schreit er seine Verzweiflung gen Himmel. Es ist nur ein kurzer Auftritt, doch für einen kleinen Moment erhält man Einblick in die Seele Balis. Der mexikanische Dokumentarfilmer Maurcio Camacho versucht diesen bewegenden Augenblick mit seiner Kamera einzufangen.

»Wayan Sunarta ruft gen Himmel« | Bildquelle: Birgit Lattenkamp

Anschließend wird es gemütlich. In entspannter Atmosphäre sitzt man beisammen. Künstler, Journalisten, Lehrer, Umweltaktivisten aus Bali, Java und dem Ausland diskutieren gemeinsam über die Zukunft und die Probleme Balis. Über den touristischen Ausverkauf der Insel, über die riesigen Müllmengen, derer man kaum mehr Herr wird. Zur Verköstigung gibt es Gado‐Gado, Salat mit Erdnusssauce. Die Zutaten stammen allesamt aus organischem Anbau von Bio‐Projekten aus der Region. An diesem Ort, an diesem Abend macht sich Optimismus breit. Bali scheint auf dem richtigen Weg zu sein. Hier hat man verstanden und lässt Taten folgen. Und doch präsentieren die Gäste der Veranstaltung nur einen kleinen Teil der balinesischen Realität. Denn so beschwerlich der Weg in diesen kleinen Palmenwald war, wird auch der Kampf für die Rettung Balis kein leichter sein.

 

Balis Umweltprobleme sind bereits sehr weit fortgeschritten. Da ist zum einen der Wassermangel. Die nach wie vor steigenden Touristenzahlen fordern ihren Tribut. Die Grundwasservorräte sind bald erschöpft. Abwässer fließen ungefiltert in die Flüsse. In der Wasserversorgung wird den touristischen Hotelanlagen Priorität eingeräumt, während die Reisbauern Schwierigkeiten haben, ihre Felder zu bewässern. Und doch ist kein Baustopp in Sicht. Der Trend geht hin zu kleinen Villenanlangen, in denen jedes Haus seinen eigenen Privatpool hat. Ein bezahlbarer Luxus, den sich immer mehr Touristen gönnen möchten.

 

Mit den steigenden Touristenzahlen wachsen auch die Müllberge. Auf Bali werden täglich durchschnittlich 10.000 Kubikmeter an Abfällen produziert. Von diesen werden jedoch nur 5700 Kubikmeter von offiziellen Stellen entsorgt oder weiterverarbeitet. Der restliche Müll wird am Straßenrand oder illegalen Müllentsorgungsplätzen, zu denen auch Flüsse und Wälder zählen, entsorgt. Schon bald wird Bali eine Insel voll von Müll sein.

 

»Diese Tatsache ist angsteinflößend«, sagt der Bildende Künstler Made Muliana Bayak. Der Absolvent des Indonesischen Kunstinstitutes (ISI) in Denpasar, der außerdem als Gitarrist in zwei lokalen Indie Bands spielt, nutzt seine Kunst seit Langem als Medium, um Kritik an der Ausbeutung und Zerstörung der Natur auf seiner Heimatinsel zu transportieren. Momentan ist es ihm ein besonderes Bedürfnis, seine Mitmenschen auf den achtlosen Umgang mit Plastikmüll aufmerksam zu machen. Unter dem Titel »Plasticology«, der sich aus den englischen Begriffen »plastic« und »ecology« zusammensetzt, hat er eine ganz spezielle Ausstellungsreihe kreiert. In Form von Collagen zum Beispiel schafft Bayak aus Verpackungsmüll beeindruckende Kunstwerke. Es finden sich typisch balinesische Motive in seinen Bildern wieder. Traditionelle Tänzerinnen, mystische Sagengestalten, balinesischer Exotismus‐ erschaffen aus Plastikfragmenten. Plastikscherben, die sich tief in die Seele Balis bohren.

 

   

Made "Bayak" Muliana | Werke von links nach rechts: The secret of Legong II 65x75cm spray paint on plastic trash; The curse of Brahmana Keling 65x75cm spray paint on plastic trash; Mother and Child 65x75cm spray paint on plastic trash | Bildquelle: Made "Bayak" Muliana

 

   

Made "Bayak" Muliana | Werke von links nach rechts: Rangda Nata Ing Dirah II 80x122cm spray paint on plastic trash; The secret of legong 65x75cm spray paint on plastic trash; Rarung, the dance of anger 104x136cm permanet ink on plastic trash | Bildquelle: Made "Bayak" Muliana

 

Bayak hat ganz richtig erkannt, dass die Problematik nicht ausschließlich auf den Tourismus zurückzuführen ist. Natürlich müssen auch die Balinesen selbst ein Umweltbewusstsein entwickeln und an eine korrekte Entsorgung ihrer eigenen Haushaltsabfälle herangeführt werden. Der Künstler geht mit gutem Beispiel voran. Gemeinsam mit Frau und Kind sammelt er den Plastikmüll, der in seinem eigenen Haushalt anfällt. Und auch bei Ausflügen an ihren Lieblingsstrand bleibt die Familie nicht untätig und befreit den Sand von Abfällen. Ein Teil des Sammelguts fließt in Bayaks Kunstwerke, der Rest wird zu legalen Müllhalden gebracht.

 

Bevor es auf der Insel Kunststoffverpackungen gab, verwendeten die Balinesen zum Verpacken ihrer Speisen hauptsächlich Bananenblätter. Nachdem diese ausgedient hatten, warf man sie einfach achtlos weg. Für die Umwelt blieb das Ganze folgenlos. Doch leider hat sich auch im Plastikzeitalter nichts an diesem Müllentsorgungsverhalten geändert. Gewohnheiten, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben werden, lassen sich nicht von heute auf morgen ändern. Von staatlicher Seite fehlt es zudem an lokalen Abfallmanagements, die auch auf den Dörfern Mülltonnen, Müllwagen, Müllhalden und Möglichkeiten zur Mülltrennung bereitstellen. Recyclingunternehmen wie PT. Enviro im Landkreis Tabanan sind noch die Ausnahme. Hier werden Plastikabfälle zu Palletten, Eimern und weiteren Kunststoffprodukten recycelt.

 

Immer mehr Nicht‐Regierungsorganisationen setzen auf die Zusammenarbeit mit den Lokalregierungen. So auch die Stiftung Manik Bumi, die von der in Hamburg lebenden Balinesin Juli Wirahmini Biesterfeld gegründet wurde. Im Regierungsbezirk Buleleng, Nord‐Bali, hat Manik Bumi seit 2014 ein Probeprojekt laufen. Ziel der nächsten vier Jahre ist es, eine saubere Region mit einer umweltbewussteren Bevölkerung zu schaffen. Eckpfeiler dieses Plans sind der Aufbau einer Abfallwirtschaft, die sich auf die 3R‐Methode stützt (Reduce, Reuse, Recycle) sowie die Aufklärung und Schulung der Bewohner vor Ort. Manik Bumi ist die Kooperation mit örtlichen Partnern sehr wichtig. Hier hat man erkannt, dass Bali seinen eigenen Weg gehen muss. Auf der Insel, die wie keine zweite für Kunst und Kreativität steht, ist es nur selbstverständlich, dass man die lokalen Künstler mit an Bord holt. Bei aller Ernsthaftigkeit der Problematik, darf die Freude nicht auf der Strecke bleiben.

 

Vor einiger Zeit lud die Stiftung zu einer Präsentation in Hamburg ein. Mit im Gepäck: Die junge balinesische Band NOSSTRESS (Bedeutung: Unser Stress). Wie der Name der Band schon verrät, sorgen sie sich um ihre Heimat. Die Songtexte der drei Jungs um Sänger Guna Warma haben es in sich. In Liedern wie »Kantong Sampah« (Mülltüte) und »Tolak Reklamasi«, fordern sie ihre Mitmenschen zum aktiven Handeln auf. Letzteres fordert konkret dazu auf, sich gegen das Landgewinnungsprojekt der Regierung in der Bucht von Benoa zu stellen. Bei aller Wortgewaltigkeit präsentiert sich die Musik von NOSSTRESS im Folk‐Pop‐Stil sehr relaxt. Ihr zu lauschen macht Spaß und stimmt optimistisch. Und wieder einmal wird klar, im Kampf für den Umweltschutz wird Bali seinen eigenen Weg finden.

 

 

 

 

 

Indonesien Magazin Online

 

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