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Balinesische Frauen in der Literatur

Oka Rusmini - Eine Frau im Disput mit der Tradition

 

Die Schriftstellerin Oka Rusmini gewährt uns ungeahnte Einblicke in Balis Lebensrealität. Bewunderung, aber auch scharfe Kritik verpackt sie geschickt in eine bildreiche Sprache.

von Birgit Lattenkamp

 

Oka Rusmini bei einer Lesung in Berlin | Bildquelle: Jörg Huhmann 

  

 

Balinesische Frauen in der Literatur

Oka Rusmini - Eine Frau im Disput mit der Tradition

 

Die Schriftstellerin Oka Rusmini gewährt uns ungeahnte Einblicke in Balis Lebensrealität. Bewunderung, aber auch scharfe Kritik verpackt sie geschickt in eine bildreiche Sprache.

von Birgit Lattenkamp

 

Oka Rusmini bei einer Lesung in Berlin | Bildquelle: Jörg Huhmann 

  

 

Seite 1 | Oka Rusmini

 

Die Balinesin Oka Rusmini (48) gehört zu einer neuen Generation indonesischer Schriftstellerinnen, die es wagen, die traditionelle Rolle der Frau in Frage zu stellen.

 

Rusmini wurde nach der Lehre des Hinduismus und den damit einhergehendenTraditionen und gesellschaftlichen Konventionen erzogen. Dass sie in Jakarta, fern von ihrer Heimat Bali aufgewachsen ist, gibt ihr jedoch auch die Möglichkeit, ihre eigene Kultur mit den Augen einer Außenstehenden zu betrachten. Hierzulande kaum bekannt, ist die balinesische Gesellschaft in die vier Kasten Brahmana, Ksatria, Weisa und Sudra unterteilt. Die Konflikte zwischen den Kasten, aber auch innerhalb der eigenen Kaste, macht Rusmini zu einem Hauptthema ihrer Werke. Dabei erzählt sie stets aus der Sicht der Frauen, wählt deren Sprache, um besonders auf das Schicksal der weiblichen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Oka Rusmini selbst möchte nicht auf einen Themenkreis festgelegt werden. »Ich schreibe über alle Dinge, die mich in meinem Leben bewegen und die ich nicht offen aussprechen kann.« In ihrem aktuellen Roman Tempurung widmet sie sich dem Verhältnis der Frauen zum eigenen Körper und dem inneren Konflikt zwischen dem Wunsch nach Freiheit und Ungebundenheit einerseits und der Sehnsucht nach Sicherheit und Familiengründung andererseits.

 

Mit den Figuren ihrer Romane und Kurzgeschichten erschafft sie sich Diskussionspartner und ist so in der Lage, Probleme zu verarbeiten. Schon früh entdeckte sie im Schreiben eine Möglichkeit, Erlebnisse und Erfahrungen aufzuarbeiten. Seit ihrem sechsten Lebensjahr führt sie Tagebuch und verbrennt bis heute am Ende eines jeden Jahres ihre Aufzeichnungen. Sie empfindet ihre schriftstellerische Tätigkeit als eine Art Therapie. In Werken wie ihrem erfolgreichen Roman Tarian Bumi (Erdentanz) schreibt sie sich ihre Wut, ihren Schmerz und ihre Enttäuschung von der Seele. »Mit Tarian Bumi möchte ich die Bevölkerung im restlichen Teil Indonesiens auf die Lage der Frauen in Bali aufmerksam machen. Das ist mir auch gelungen, mittlerweile reicht das Interesse an dieser Thematik sogar bis ins Ausland.« Im Jahr 2007 erschien der Roman in deutscher Übersetzung (Erdentanz, Horlemann Verlag); 2011 folgte die englische Fassung (Earth Dance, Lontar). Im Jahr darauf wurde ihr in Bangkok, Thailand, der S.E.A. (South East Asian) Write Award verliehen.

 

Bereits als kleines Kind versuchte sich Rusmini gegen traditionelle Verhaltensregeln zur Wehr zu setzen. Wegen ihrer Aufsässigkeit wurde sie von ihren Eltern zu einem Balian, einem traditionellen Heiler, gebracht. Dieser glaubte, die Seelen zweier Ahnen in ihr zu entdecken. Daraufhin verordnete er ihr die sogenannte Melukat-Zeremonie. Ein Jahr lang hatte sie in jeder Vollmondnacht in gesegnetem Wasser und einem Meer von Blumen zu baden. Währenddessen rezitierte ein Hindu-Priester Gebetsverse. Zur vollständigen Heilung musste sich die kleine Oka am Ende jenes Jahres zu nächtlicher Stunde symbolisch mit dem Ozean vermählen. Zeremonien wie diese bezeichnet sie heute als ihr Kindheitstrauma.

  

Seite 2 | Oka Rusmini im Gespräch

 

Birgit Lattenkamp im Gespräch mit Oka Rusmini

  

Oka Rusmini und Birgit Lattenkamp, Frankfurter Buchmesse 2015 | Bildquelle: Jörg Huhmann

 

Liebe Oka, schön nach all den Jahren wieder ein Interview mit Dir führen zu dürfen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich Dich vor zwölf Jahren in Deinem gemütlichen Häuschen besucht habe und wir uns bis spät in die Nacht über Deinen damals aktuellen Roman »Erdentanz« unterhalten haben.

 

Erdentanz ist den balinesischen Frauen gewidmet, damals äußerst brisant hast Du es gewagt, die traditionellen Strukturen in Frage zu stellen und die Unterdrückung der Frau im Kastensystem Balis anzuprangern. Vor allem von den Balinesen selbst wurdest Du dafür hart kritisiert. Doch nach wie vor ist das Thema in Deinen Werken präsent. Was hat sich seit damals verändert? Erfährst Du mehr Unterstützung?

 

Ich schreibe nach wie vor über die Thematik aus Erdentanz. Allerdings hat in dieser eine Entwicklung stattgefunden, entsprechend der momentanen Lebenssituation der balinesischen Gesellschaft. Ein wenig Unterstützung erfahre ich natürlich, denn Vieles verändert sich zurzeit auf Bali. Die Lebensverhältnisse , auch der Lebensstil der Frauen. In meinem aktuellen Roman »Tempurung« (ungefähr »Harte Schale«) stelle ich gerade deswegen verschiedene Fälle dar, in denen es zu Konflikten mit den herrschenden Sitten und Bräuchen oder Verstößen gegen das traditionelle Recht kommt. Inspiriert haben mich hier Tatsachenberichte aus der Tageszeitung Bali Post.

 

Damals erwähntest Du, dass Du Dir gut vorstellen kannst, in zukünftigen Romanen und Kurzgeschichten nicht nur Bali und das Leben der Balinesen zu betrachten, sondern vielleicht ganz Indonesien oder auch das Ausland eine Rolle spielen zu lassen. Hast Du diese Ideen bereits realisiert?

 

Ja. Mit Tempurung habe ich dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt.

 

In Deine Geschichten und Gedichte fließen natürlich auch Deine persönlichen Lebenserfahrungen ein. Du selbst stammst aus der BrahmanaKaste und wurdest nach der Heirat mit einem muslimischen Javaner mehr oder weniger aus Deiner Kaste verstoßen. Lange Zeit hattest Du ein sehr schwieriges Verhältnis zu Deiner Familie. Hat sich die Lage mittlerweile entspannt?

 

Ja. Das Verhältnis zu meiner Familie hat sich wesentlich verbessert. Was das betrifft, haben in der balinesischen Gesellschaft große Veränderungen stattgefunden.

 

Familie bedeutet Dir sehr viel. Vor allem die tiefe Verbundenheit zu Deinem Sohn Pasha spiegelt sich in vielen Deiner Gedichte wider. Wie hat die Geburt Deines Sohnes Dein Leben und Dein Denken verändert?

 

Durch die Geburt meines Sohnes habe ich das Gefühl, eine vollständige Frau geworden zu sein. Ich denke, ich besitze zwei Gebärmuttern. Da gibt es die körperliche, aus der Pasha geboren wurde. Die zweite ist seelischer Natur. Sie brachte Werke wie »Tempurung«, »Tarian Bumi«(Erdentanz), »Pandora«, »Sagra« und »Patiwangi« zur Welt.

 

Möchtest Du zum Schluss dieses Interviews den deutschen Lesern Deines Romans Erdentanz, für die das Lebensumfeld Deiner Romanfiguren vielleicht völlig fremd ist, etwas mit auf dem Weg geben?

 

Ich wünsche mir, dass die deutschen Leser die Gelegenheit erhalten, Erdentanz und vielleicht auch meine anderen Werke zu lesen. Hoffentlich lernen sie Bali und ganz Indonesien durch meine Bücher besser kennen.

Indonesien Magazin Online

 

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