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Selbstverteidigungs- und Bewegungskunst

Kampfsport, Kampfkunst und Ästhetik – Pencak Silat in Indonesien und Deutschland

 

Pencak Silat ist nicht nur indonesischer Nationalsport, sondern auch Teil der kulturellen Identität des Landes. Die vielseitigen Aspekte dieser traditionsreichen Kampfkunst –Selbstverteidigung, Ästhetik, Tanz und Spiritualität – machen den Sport auch im Ausland beliebt. In Deutschland ist allerdings noch Entwicklungsarbeit zu leisten.

von Patrick Keilbart

 

Pencak Malioboro Festival 2014; Bildquelle: Tangtungan Project / Foto: Endang Tonari

 

Seit in den 1970er Jahren mit Bruce Lee’s Filmen das »Martial Arts Kino« entstand, wurden Kung Fu und Karate auch in Deutschland weithin bekannt. Heute gibt es kaum mehr ein Dorf in dem es nicht zumindest einen Karate-Verein gibt und das Angebot an asiatischen Kampfsportarten in Großstädten ist kaum noch überschaubar. Das indonesische Pencak Silat hingegen ist in Deutschland bisher relativ unbekannt. Daran hat auch die Rolle von Iko Uwais (dem indonesischen Pendant zu Bruce Lee) in »Star Wars – Das Erwachen der Macht« (2015) nicht viel geändert. Der Bekanntheitsgrad von Pencak Silat ist in Deutschland bis heute vergleichsweise gering, ebenso wie die Zahl der Praktizierenden.

 

Mehr als nur ein Sport

 

Im Ursprungsland Indonesien sieht das natürlich anders aus. Pencak Silat ist der indonesische Nationalsport und zugleich eine traditionsreiche Kampfkunst, die von mehreren zehn Millionen Akteuren praktiziert und gelehrt wird. Der indonesische Dachverband IPSI (Ikatan Pencak Silat Indonesia) vereint hunderte verschiedene Schulen. Die bedeutende Stellung von Pencak Silat-Schulen in der indonesischen Gesellschaft wird dadurch deutlich, dass deren Führungsspitzen für gewöhnlich auch nationale Führungspositionen bekleiden, sowohl in rituellen und religiösen, als auch in politischen und wirtschaftlichen Bereichen. Selbst der indonesische Präsident Joko »Jokowi« Widodo wurde bei den Pencak Silat Weltmeisterschaften in Bali im Dezember 2016 als »Pendekar Utama« (Oberster Meister) geehrt.

 

Pencak Silat Wettkampf; Bildquelle: zur Verfügung gestellt von Patrick Keilbart

 

Die Olympischen Spiele als erklärtes Ziel

 

Um Pencak Silat auch international zu mehr Bekanntheit und Bedeutung zu verhelfen, werden von IPSI und nationalen Führungspersonen die Standardisierung und »Versportung« der indonesischen Kampfkunst vorangetrieben. Ein erklärtes Hauptziel ist es, dass Pencak Silat offiziell als Disziplin bei den Olympischen Spielen aufgenommen wird. Dafür müssen zum einen mindestens 40 verschiedene Länder Pencak Silat- Nationalteams führen und zum anderen klare und eindeutige Regularien für den Kampfsport und dessen Punktesystem bestehen. Letzteres führt dazu, dass die anderen Bereiche des Pencak Silat dem Wettkampfsport untergeordnet, sogar davon verdrängt werden. IPSI unterscheidet nämlich vier Bereiche bzw. Elemente der indonesischen Kampfkunst: olahraga prestasi – sportlicher Wettkampf, beladiri – (Selbst-)Verteidigung, seni – Kunst und mental-spiritual – mentale und spirituelle Erziehung. So manche Indonesier bemängeln insbesondere den Verlust regionaler und künstlerischer Vielfalt, der mit einer zu rigorosen Versportung des Pencak Silat einhergeht.

 

Aspekte des Pencak Silat

 

Ausgehend von der indonesischen Perspektive verweisen diese aktuellen Dynamiken auch auf den Wesenskern der Pencak Silat-Gemeinschaft in Deutschland. Die Frage ist doch: was macht es für die vergleichsweise wenigen deutschen Praktizierenden interessant und warum lernen sie Pencak Silat (anstatt Karate, Taekwondo, Tai Chi oder Kickboxen)?

 

Einer der deutschen Athleten, der als Teilnehmer bei den Pencak Silat Weltmeisterschaften in Bali interviewt wurde, liefert eine aufschlussreiche Antwort auf diese Frage: »Warum Pencak Silat? Weil es eine große Vielfalt an Aspekten vereint, nicht nur Kämpfen, sondern auch Spiritualität, Selbstverteidigung, körperliche Fitness und allem voran die Ästhetik – die Verbindung aus Kampf, Tanz und Bewegung. Dieses Gesamtpaket macht einfach Spaß und kann mir keine andere Kampfkunst bieten.«

 

Die einzigartige Ästhetik der indonesischen Kampfkunst liegt im Wechselspiel aus langsamen, fließenden, tänzerischen, teils grazilen Bewegungen und blitzschnellen, höchst effektiven Angriffs- und Verteidigungstechniken. Jeder Stil und jede Schule setzt eigene Schwerpunkte und verbindet Regionalkultur (Elemente aus Musik und Tanz, lokalen Mythen und Traditionen) mit stilübergreifenden, charakteristischen Bewegungsmustern, Prinzipien und Lehren des Pencak Silat. Letztere werden von vielen Indonesiern als »budi pekerti luhur« zusammengefasst – als die Lehren von edlem Geist und Charakter, die in respektvollem, harmonischem und friedvollem Zusammenleben zum Ausdruck kommen. Die Faszination des Pencak Silat liegt also in dessen Vielfalt und Ästhetik, aber auch in der ganzheitlichen Erziehung von Körper und Geist, die in Pencak Silat Schulen im Mittelpunkt steht.

 

Schaukampf Pencak Silat, Berlin 2017; Bildquelle: alle Fotos Jörg Huhmann (JH)

 

Pencak Silat lernen

 

In Deutschland fungiert als Dachverband für verschiedene Pencak Silat Stile, die hierzulande mit Schulen vertreten sind, die »Pencak Silat Union Deutschland« (PSUD). 1988 als gemeinnütziger Verein in Köln gegründet versteht sich die PSUD als Gemeinschaft freier Pencak Silat-Sportvereine und -Institutionen. Da die PSUD ein stilübergreifender Verband ist, organisiert sie Wettkämpfe und Lehrgänge, die unabhängig vom stileigenen Lehrstoff einer bestimmten Schule sind. Trotzdem setzt sich der Verband erklärtermaßen für den Erhalt der Vielfalt innerhalb des Pencak Silat ein. Auch im internationalen Rahmen plädiert die PSUD für den Erhalt regionaler und künstlerischer Elemente, die aus dem Regelwerk offizieller Wettkämpfe zunehmend verdrängt werden.

 

In Deutschland wie in Indonesien bemühen sich demnach Pencak Silat-Praktizierende, die scheinbaren Widersprüche aufzulösen und den »Spagat« zwischen Sport und Kunst, Standardisierung und regionaler Vielfalt, Kampfgeist und friedvollem Miteinander zu bewältigen und dessen einzigartige Ästhetik zu bewahren.

 

Weitere Informationen zum Thema »Pencak Silat in Deutschland« – Kontakte, Stilrichtungen und regionale Angebote – entnehmen Sie bitte auch der Seite von »Pencak Silat Union Deutschland« (PSUD) oder wenden sich direkt an den PSUD-Kontakt Boris Sebastian Gürtler, der Ihnen Informationen zu einer Pencak Silat-Schule in ihrer Nähe vermitteln kann.

 

 

Pencak Silat Spezial-Training, Actionfoto im SiGePi-Institut Berlin mit Großmeister Pak Octav (Mitte); Bildquelle: zur Verfügung gestellt von Pak Octav D. Setiadji. / SiGePi-Institut

 

 

 

Indonesien Magazin Online

 

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