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Megalithanlage in Westjava

Mystik und Magie um den Gunung Padang: Archäologie auf dem Prüfstein

 

Die weiträumige Steinanlage auf dem Gunung Padang in Westjava gehört zu den spektakulärsten archäologischen Entdeckungen Südostasiens. Sie gilt als älteste Pyramide der Welt und wurde damit zum Nationalsymbol für Indonesiens alte Geschichte.

von Mai Lin Tjoa-Bonatz

 

(Abb.4) Megalithanlage auf dem Gunung Padang. Die oberste Terrasse gibt den Blick auf die umliegenden Berge und eine atemberaubende Landschaft frei. | Bildquelle: Dominik Bonatz

 

Die Steinanlage auf dem Gunung Padang in Westjava ist ein spektakulärer Ort mit einer langen Geschichte (Abb. 1-2). Auch wenn die archäologische Stätte schon seit kolonialer Zeit bekannt ist, hat sie erst in den letzten Jahren für internationales Medieninteresse gesorgt. Der ehemalige Präsident der Republik Indonesien Susilo Bambang Yudhoyono besuchte im Februar 2014 Gunung Padang, und die Forschungsgruppe, die bereits in 2011 begann die Stätte zu untersuchen. Das Team unterstand direkt dem Präsidialbüro. Mehrere Hundertschaften seines Militärs haben bei den Ausgrabungen mitgeholfen. Nun gibt es verschiedene Interpretationen zu dieser frühen Kultstätte, die sie mit Mystik und Magie, mit Sensationsmeldungen und Nationalstolz belegen.

 

Megalithanlage in spektakulärer Landschaft

 

Der Berg liegt ungefähr vier Autostunden von Jakarta entfernt in der Provinz Cianjur in West Java. Mittlerweile strömen Touristen und esoterische Gruppen in die vormals eher verlassene Gebirgsregion und wollen den Berg der Erleuchtung – übersetzt Gunung Padang – besichtigen. Vor allem Künstler und Musiker versprechen sich besondere Wirkmächte und Heil beim Besuch dieser alten Pilgerstätte. Der gesamte Berg ist mit einer Terrassenstruktur überzogen, durch mannshohe Monolithen und verschiedene Steinstrukturen befestigt (Abb. 2). Die fünf Steinterrassen sind über eine steile Steintreppe zu überwinden (Abb. 3). Oben angekommen hat man eine fabelhafte Aussicht auf die umliegende Hügellandschaft und auf einen noch höheren Berg, den Gunung Gede, auf den sich wohl diese Anlage ausrichtet (Abb. 4). Der Blick ins Tal verrät, dass dort am Fuße des Gunung Padang der Zusammenfluss von zwei Flüssen aus verschiedenen Himmelsrichtungen ehemals wie heute eine wichtige Verkehrsverbindung darstellte.

 

Eine der ältesten Kultplätze der Welt

 

Erste Ausgrabungen fanden im Jahr 2010 statt. Zwischen 2012 und 2015 untersuchte ein größeres Team von indonesischen Archäologen, Astronomen, Hydrologen, Geologen und Architekten, die direkt dem Präsidialbüro unterstellt waren, die fast 30 ha umfassende Kultanlage. Neuste geomagnetische Vermessungstechnik wurde eingesetzt, die ein anschauliches Bild der Terrassenstruktur und der von Menschenhand überformten Landschaft lieferten. Es wurden mehrere Brunnenanlagen entdeckt, die die Nutzung dieser Anlage für eine größere Gemeinschaft durchaus möglich machen. Die bei der Ausgrabung zutage geförderten Steinstrukturen, die z.T. mit Mörtel befestigt wurden, Eisenschlacke, ein Schwert, chinesische Keramik oder niederländische Münzen beweisen: Es gibt mehrere Kulturschichten. Fast 30 Bohrungen ins Erdinnere des Gunung Padang haben zusätzlich zwar ausreichend Proben für Laboranalysen geliefert, stehen aber in keinem Zusammenhang zu den ergrabenen Kulturschichten. Immerhin belegen nun zwei aus der Ausgrabung stammende Proben einigermaßen verlässlich: Die älteste Schicht reicht wohl bis ins 5. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung (v.u.Z.). Zu diesem Ergebnis kommen – immerhin unabhängig voneinander – zwei Laboruntersuchungen. Auch wenn damit noch nicht bewiesen werden kann, welche Teile der Anlage aus dieser frühen Zeit stammen, ist diese absolute Datierung eine wahrlich spektakuläre Entdeckung! Nun kann sich Indonesien rühmen, einen der ältesten Kultplätze der Welt zu besitzen.

 

 

(Abb.1) Die Megalithanlage vom Gunung Padang. Die indonesische Fahne auf der Bergspitze wird gerne als Hintergrund für Fotos gewählt.
Bildquelle: Dominik Bonatz
(Abb.2) Auch wenn gewisse Steinstrukturen zu erkennen sind, ist der Zweck der Anlage nicht bekannt. Manche dieser Steine wurden vielleicht sogar als Klangkörper benutzt.
Bildquelle: Dominik Bonatz
(Abb.3) Eine massive Steintreppe führt auf die fünf Steinterrassen.
Bildquelle: Dominik Bonatz
(Abb.4) Die oberste Terrasse gibt den Blick auf die umliegenden Berge und eine atemberaubende Landschaft frei.
Bildquelle: Dominik Bonatz
(Abb.5) Handelt es sich hier um frühe menschliche Spuren?
Bildquelle: Dominik Bonatz

 

»Das verlorene Arkadien« auf dem Gunung Padang

 

Nun begannen die Spekulationen über den Zweck und den Kontext dieser Anlage. Der britische Genetiker Stephen Oppenheimer und andere selbsternannte Experten zur Frühgeschichte Indonesiens haben kurzerhand behauptet: Gunung Padang stelle »das verlorene Arkadien« dar, was die bereits voreiszeitliche Besiedlung Indonesiens vor mehr als 20.000 Jahren beweisen solle. Er lieferte damit eine medienwirksame Erklärung, die dem Nationalbewusstsein eine neue Schlagkraft verlieh: Damit konnte endlich die unliebsame Lehrmeinung, nach der die Besiedlung Indonesiens mit der austronesischen Wanderung von Südchina oder Taiwan aus erfolgte, kurzerhand vom Tisch gewischt werden.

Die Behauptung Oppenheimers hat selbst Gehör des Präsidenten erfahren, und er wurde zu einem persönlichen Gespräch geladen. Aber archäologisch ist weder diese Idee noch die frühe Datierung nachzuweisen.

 

Gunung Padang: die älteste Pyramide der Welt

 

Die andere Erklärung sieht im Gunung Padang eine von Menschenhand geformte Pyramide, die sogar um vieles älter wäre als der Machu Picchu in Peru (15. Jahrhundert) oder die ägyptischen Pyramiden (rund 2600 v.u.Z.). Die Anhänger dieser Behauptung – vorrangig ein Geologenteam, das sich sonst mit Naturkatastrophen beschäftigt – gehen davon aus, dass der Berg nicht natürlichen Ursprungs ist sondern als gesamtes Bauwerk entstand. Die pyramidale Form der Anlage ist unbestritten. Bohrungen haben lediglich bewiesen, dass verschiedene Erd- und Ablagerungsschichten typisch für die Geologie dieser Region sind. Die Schwierigkeit besteht darin, Artefakte – also von Menschenhand Gemachtes – von Naturformen oder natürlichen Abnutzungen unterscheiden zu können (Abb. 5). Leider werden keine ausgewiesenen Neolithiker aus dem Ausland zu Rate hinzugezogen, um die Gebrauchsspuren an Steinen zu analysieren.

 

Indiana Jones in Indonesien

 

Der Leiter der Ausgrabung Dr. Ali Akhbar, Professor an der größten Universität Indonesiens der UI in Jakarta, der kürzlich an der Freien Universität Berlin einen Gastvortrag hielt, verglich seine Arbeit gerne mit der Ikone des 19. Jahrhunderts: Sir Stamford Raffles, der den hindu-buddhistischen Tempel Borobudur aus seiner Schuttschicht befreite. Mittlerweile steht diese Tempelanlage auf der Liste des Weltkulturerbes. Auch er sieht sich als der Entdecker eines neuen Weltkulturerbes für Indonesien. Lokale Pressemitteilungen betiteln ihn als den Indiana Jones Indonesiens. Ebenso wie der Borobudur zum Weltkulturerbe gehört, sollen nun ähnliche Werte und Superlativen im globalen Wettbewerb der Weltgeschichte diese frühgeschichtliche Megalithanlage erhöhen.

 

Das Geheimnis des Gunung Padang und die Archäologie

 

Das Geheimnis des Gunung Padang ist noch lange nicht gelüftet. Gunung Padang taugt gut als Inbegriff einer neuen geschichtsbewussten Selbstdarstellung Indonesiens, die die Archäologie bemüht. Das ist zunächst eine begrüßenswerte Wende, die sich anstelle wirtschaftlicher Wachstumsideen oder Technologiefortschritts nun endlich auch mal der Kultur und Geschichte zuwendet. Nichtsdestotrotz sollte die archäologische Disziplin die gelenkte Politisierung von kulturellem Erbe anschaulich machen und vorschnelle Interpretationen kritisch hinterfragen. Was bleibt ist die Mystik und Magie, die diesen beeindruckenden Ort umfangen. Und das ist auch gut so.

 

Indonesien Magazin Online

 

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